Libretto-Wien Songtext - Les Misérables

1. Akt

Prolog

STRÄFLINGE:
Schaut her! Schaut her!
Schaut keinem ins Gesicht.
Schaut her! Schaut her!
Dies überlebst du nicht.

ERSTER STRÄFLING:
Die Luft ist Glut.
Ihr Atem macht mich krank.

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Dies währt ein Leben lang.

ZWEITER STRÄFLING:
Hab nichts getan!
Gott rett’ mich aus der Qual!

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Wir sind dem Gott egal.

DRITTER STRÄFLING:
Sie bleibt mir treu,
sie wartet schon auf mich.

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Kein Mensch denkt mehr an mich.

VIERTER STRÄFLING:
Werd’ hier nicht alt.
Ich mach mich bald
aus dem Staub.

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Schaut keinem ins Gesicht!

FÜNFTER STRÄFLING:
Warum, oh Gott,
erlösest du mich nicht?

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Wir spüren ihren Stab.
Schaut her! Schaut her!
Wir steh’n in unserm Grab.

JAVERT:
Bringt 2-4-6-0-1 schleunigst her zu mir!
Dein letzter Tag,
den Rest erläßt man dir!
Du weißt, was das heißt?

VALJEAN:
Ja, ich bin jetzt frei.

JAVERT:
Nein!
Du bist nur frei,
bis du den Schein hier verspielst.
Du bist ein Dieb.

VALJEAN:
Ich nahm doch nur ein Brot.

JAVERT:
Brachst in ein Haus!

VALJEAN:
Ein Fenster ging entzwei.
Das Kind von meiner Schwester war
halbtot vor Hunger.

JAVERT:
Hungern wirst auch du,
wenn Du nicht lernst,
was Recht und Ordnung heißt.

VALJEAN:
Ich weiß, was neunzehn lange Jahre sind,
bestraft und versklavt.

JAVERT:
Fünf Jahre für die Tat,
den Rest für jeden Fluchtversuch
von 2-4-6-0-1.

VALJEAN:
Ich heiße Jean Valjean.

JAVERT:
Und ich Javert.
Vergiß den Namen nicht.
Vergiß mich niemals,
2-4-6-0-1.

CHOR:
Schaut her! Schaut her!
Wir spüren ihren Stab.
Schaut her! Schaut her!
Wir steh’n in unserm Grab.

VALJEAN:
Ja, ich bin frei. Die Erde träumt.
Ich fühl’ den Wind. Ich saug’ ihn ein,
und ans Licht steigt
ein junger Morgen.
Trink aus dem Quell – wie hell und klar.
Tief im Gehirn brennt jedes Jahr.
Nie vergeb’ ich,
was sie getan.
Sie nur sind schuldig – Mann für Mann.
Der Tag beginnt...
nun wird es Zeit.
Was hält die Welt
für mich bereit?

ZWEI POLIZISTEN:
(ERSTER:) Sag Hochwürden deine Beichte.
(ZWEITER:) Woll’n mal seh’n, ob sie ihm schmeckt.
(ERSTER:) Du warst Gast hier letzte Nacht.
(ZWEITER:) Der Bischof hat für dich gedeckt.
Dann, aus lauter frommen Mitleid
für die schlimmen neunzehn Jahr’,
(ERSTER:) gab er dir angeblich Silber als Geschenk mit...

BISCHOF:
... das ist wahr.
Doch mein Freund, du gingst so plötzlich,
gut, daß du zurückgekehrt.
Ich versprach dir diese Leuchter,
du erinnerst dich nicht mehr?
Gebt dem Mann die Freiheit wieder,
ich beschenkte ihn sehr reich.
Meine Herr’n, ich dank Euch herzlich,
Gottes Segen sei mit Euch.

Denke stets daran, mein Bruder:
Gott begleitet deinen Stern.
Drum verwende dieses Silber
nur im Sinne unsres Herrn.
Unser Heiland gab sein Leben –
nicht vergeblich war sein Schmerz.
Gott erhebt dich aus der Schande,
und ich kauf für Gott Dein Herz.

Was ist mit mir?

VALJEAN:
Was ist mit mir?
Herr Jesus, was ist mit mir?
Ich bin ein Dieb in der Nacht!
Ich bin ein räudiges Tier!
Ist für mich alles zu spät?
Hab ich den Teufel im Blut?
Und in meiner Brust nur den Schrei meiner Wut?
Den Schrei in der Nacht, den niemand erhört –
bin ich nach all meinem Elend nichts mehr wert?
Wenn es ein andres Leben gibt,
hab ich’s vor zwanzig Jahr’n knapp verpaßt.
Immer auf der Flucht, und das Herz voller Haß,
Valjean numeriert und Valjean tätowiert,
ihre Ketten waren beinahe mein Tod,
für den Diebstahl von einem Stück Brot!

Doch warum ließ ich diesen Mann
an meine Einsamkeit heran?
Er hat mich brüderlich behandelt.
Er hat mir vertraut.
Mein Herz gehört dem Himmel an –
wie kann das sein?
Mein Haß verbrannte mir die Welt,
ich war ein Leben lang allein!

Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn,
in der Brust einen Stein –
so war ewig mein Leben,
wird es je anders sein?

Ein Wort von ihm – ich muß zurück,
wie ein Stück Vieh an seinem Strick.
Statt dessen schenkt er mir die Freiheit,
die Scham in mir glüht wie ein Messerstich.
Auf meine Seele käm’ es an –
was denkt er sich?
Was läg’ dem Himmel schon daran?
Gibt’s einen andern Weg für mich?

Ich verliere jeden Halt,
Nacht bricht über mich herein,
in den Strudel meiner Schuld
sinkt mein altes Leben ein.
Ich verschwinde aus der Welt,
aus der Welt des Jean Valjean.
Jean Valjean ist gar nichts mehr.
Ein neues Leben fängt nun an.

Am Ende vom Tag

DIE ARMEN:
Und am Ende vom Tag bist Du einen Tag älter.
So war’s immer, so bleibt’s, das ist unser Geschick.
Hier frißt jeder jeden auf,
denn kein Mensch wird uns Gnadenbrot geben,
und wir warten lebenslang –
aber worauf?
Ein Tag weniger Leben!

Und am Ende vom Tag bist Du einen Tag kälter.
Die paar Fetzten am Leib halten Hagel nicht ab.
Jeder, der uns betteln sah,
eilt vorbei an unserm Verderben,
und der Winter ist fürchterlich nah,
weiß wird das Grab.
Ein Tag näher am Sterben.

Doch am Ende der Nacht gibt’s ein großes Erwachen,
und die Sonne am Morgen bringt Feuer und Licht.
Unser Meer schäumt über’n Strand,
und ein Sturm wird aus unseren Qualen,
unsre Not nimmt sich das Land,
und die Satten, sie werden bezahlen,
dann wird kurzer Prozeß gemacht –
an der Wende der Nacht.

VORARBEITER:
Doch am Ende vom Tag soll’n die Faulen verfaulen.
Als ob ich nicht wahrhaftig genug Sorgen hätt!

1. ARBEITER:
Ich hab Kinder zu ernähr’n!

1. + 2. ARBEITER:
Unsre Kinder werden nicht fett!

2. ARBEITER:
Und ich freu mich auf jeden Tag Lohn...

FRAU:
... und auf mein Bett!

FRAU + ARBEITER:
Und wir danken den Herren!

VERSCHIEDENE FRAUEN:
Schaut euch an, wie der Vormann vor Männlichkeit schwitzt.
Und wie keuchend sein stinkender Atem ihm geht!
Bei der kleinen Fantine ist er glatt abgeblitzt.
Seine Hose wird enger, je strammerer steht!

ARBEITER:
Doch am Ende vom Tag ist die Mühe vergessen,
wenn das Geld in der Tasche fürs Nötigste reicht.
Zahl die Miete, zahl den Wein!
Heute abend von allem das Beste!
Morgen kannst du sparsam sein,
oder prügel dich wieder um Reste.
Einmal krieg ich, was ich mag:
Ganz am Ende vom Tag.

FABRIKMÄDCHEN:
Und was ha’m wir hier, kleine Unschuld vom Lande?
Mach schon, Fantine, zeig her, was man schreibt!
„Liebe Fantine, zahl uns diese Rezepte.
Dein Mädchen braucht Hilfe.
Verlier keine Zeit."

FANTINE:
Gib den Brief wieder her,
da steht nichts, was dich angeht!
Du läßt keinen Kerl aus
seit dein Gatte dich nahm!
Gibt es eine von euch,
die im Angesicht Gottes
mir schwört, daß sie frei ist
von Schande und Scham?

VALJEAN:
Was soll der Lärm vor unserm Tor?
Wollt ihr wohl auseinandergehn!
Diese Fabrik ist doch kein Tollhaus!
Ich bitt’ Euch, Mädchen, haltet ein!
Ich bin der Bürgermeister hier
und möcht’ es gern noch länger sein.
Ich denke, du klärst alles auf,
doch mach die Sache nicht zu groß.

VORARBEITER:
Raus mit der Sprache, was war los?

FABRIKMÄDCHEN:
Wenn man’s richtig bedenkt:
Sie allein macht hier Ärger.
Sie versteckt ihre Tochter
und tut so adrett.
Dafür zahlt sie einem Kerl,
möchte wissen, wo sie das nur hernimmt,
woll’n wir wetten? Sie schafft dafür an,
abends im Bett!
Ob der Chef das wohl gerne sieht?

FANTINE:
Ja, ich habe ein Kind,
eine schwerkranke Tochter.
Doch ihr Vater verriet uns und
ließ und allein.
Ein Paar Wirtsleute nahm sich
das Mädchen ins Haus
und ich zahle dafür.
Was soll schlimm daran sein?

ARBEITERINNEN:
Wenn man’s richtig bedenkt,
ist das wirklich die Höhe!
Wenn das jeder so machte,
wo käm’ man da hin?
Wir tun anständig unsere Pflicht,
sie verdient ihr Geld nicht mit den Händen.
Schick die Schlampe schleunigst weg,
sonst wird jede hier so wie sie enden.
Hier kriegt keine was geschenkt,
wenn man’s richtig bedenkt!

VORARBEITER:
Ich hab’s gewußt, das Kätzchen schnurrt,
ich hab’s gewußt, das Miststück hurt,
sie hat ein peinliches Geheimnis.
Ja, ja, die heilige Fantine,
die immer unberührbar schien!
Doch jetzt durchschauen wir dein Spiel,
und was zuviel ist, ist zuviel.
Du spielst die Jungfrau, doch bei Nacht
hast du’s noch keinem schwer gemacht!

FABRIKMÄDCHEN:
Sie hat jeden geliebt,
doch bei dir nur gelacht.

FRAUEN:
Sie hat sich und uns alle unmöglich gemacht.

FABRIKMÄDCHEN:
Wirf sie gleich vor die Tür.

ALLE:
Heut’ noch, fort mit ihr!

VORMANN:
Tja, mein Schatz. Raus mit dir!

Ich hab’ geträumt vor langer Zeit

FANTINE:
Einst hab ich manchen Mann gekannt,
ihre Stimmen waren sanft,
ihre Worte geheuer.
Einst hab ich lichterloh gebrannt,
und die Welt war ein Lied,
und das Lied war aus Feuer.
Es war einmal
und ist nicht mehr.

Ich hab geträumt vor langer Zeit
von einem Leben, das sich lohnte.
Von Liebe und Unsterblichkeit.
Vom guten Gott, der mich verschonte.

Da war ich jung und ohne Angst
und Träume gingen wie sie kamen:
Ich find dir, was du auch verlangst,
für jede Freude einen Namen...
Doch die Tiger in der Nacht
wittern gierig deine Wunden,
reißen wild an deinem Herz –
sie zerfleischen deinen Traum.

Der Sommer, als er bei mir schlief,
war wie ein uferloses Wunder:
War Kind noch, als er nach mir rief,
war Mädchen als der Herbst begann.

Ich träum noch heut, er kommt zurück,
gemeinsam trotzten wir den Jahren.
Doch wir sind nicht gemacht fürs Glück,
für seine Stürme und Gefahren...

Ich hab geträumt, mein Leben wär
ein Schicksal außerhalb der Hölle –
Gott gibt den Menschen keinen Raum.
Nichts blieb mir mehr von meinem Traum.

Leichte Mädels

ERSTER SEEMANN:
Ich riech’ Weiber,
Spaß liegt in der Luft!
Hier geh ich vor Anker
und dann folg’ ich diesem Duft!

ZWEITER SEEMANN:
Leichte Mädels
halten für mich still!
Junges festes Hühnchenfleisch
in Fummel und in Tüll!

DRITTER SEEMANN:
Setzt die Segel! Auf sie mit
Gebrüll!

PROSTITUIERTE:
Leichte Mädels,
liebeskriegsbemalt.
Tag und Nacht geöffnet,
wenn man unanständig zahlt.

Leichte Mädels
machen alles mit.
Kerle, dies ist euer Tanz
und ihr bestimmt den Schritt.
Wenn ihr prall seid, machen wir’s zu dritt!

ALTE FRAU:
Hast schönes Haar.
Das ständ’ auch mir wunderbar.
Hast du ein Glück.
Ich zahle zehn Francs, mein Schatz,...
für die Perück’

FANTINE:
Verschwinde, faß mich nicht an!

ALTE FRAU:
Ich schwör es dir:
Mehr gibt dir keiner dafür.
Denk doch mal nach.

FANTINE:
Wenn ich sie hätt’...

ALTE FRAU:
Denk doch mal nach...

FANTINE:
Was soll ich tun? Wenn ich sie hätt’
gäb’s endlich Hilfe für Cosette...

ERSTE HURE:
Hilf mir Gott,
ich schlaf in vollem Lauf
Unten brennt’s wie Feuer,
hört das niemals wieder auf

ZUHÄLTER:
Lächeln, Schätzchen,
mach nicht so’n Gesicht
Sonst macht’s eine andre,
auf dich warten wir hier nicht.

ERSTE HURE:
War nur Spaß, das
Schätzchen kennt die Pflicht

FRAUEN: (gleichzeitig)
Leichte Mädels,
Weißes junges festes Fleisch.
Leichte Mädels,
leichte, weiche Mädels
weiße Hühnchen junges festes Fleisch,
wir sind
junges festes Fleisch
Leichte Mädels,
laßt sie glücklich sein!

ZUHÄLTER:
Wer ist denn die,
diese süße Gefahr?

ZWEITE HURE:
Das glaubst du nie.
Die verkaufte ihr Haar.

DRITTE HURE:
Sie hat ein Kind,
dem sie gibt, was sie kann.

ZUHÄLTER:
Ich hab’s gewußt.
Da ist immer ein Mann.
Komm schon, Kleine, tu doch nicht so vornehm,
leichtes Mädel!

ZWEITE HURE:
Komm schon, Kleine, tu nicht so geziert.
Du bist ganz genauso klein wie wir.
Hier im Rinnstein schwimmt die große Welt vorbei.
Wir sind Schwestern.

DRITTE HURE:
Mach Geld und mach dich frei...

ZWEITE HURE:
Recht so, Kleine.
Bist ‘ne Königin.

VIERTE HURE:
Recht so, Kleine.
Gib ihm alles hin

PROSTITUIERTE:
Alte, Junge, immer ‘reinspaziert!
Hafenratten und Mulatten, heiß und tätowiert.
Feine Pinkel, feist und prominent,
faß in ihre Hose und schon sind sie impotent.
Bargeld bleibt das schönste Kompliment!

Leichte Mädels,
schau’n hinaus aufs Meer.
Möchten auf die Reise gehen
ohne Wiederkehr.

FANTINE:
Komm schon, Käpt’n,
laß die Stiefel an.
Endlich mal ein Stückchen Fleisch,
das sich nicht wehren kann.
Feuchte Hände,
Augen voller Gier.
Gut, daß du den Haß nicht siehst,
es ekelt mich vor dir.
Spürst du’s nicht?
Du legst dich auf ein kaltes totes Tier!

Fantines Verhaftung

BAMATABIOS:
Die sagt mir zu. Ich glaub, da werf’ ich mich drauf.
Komm näher, du!
Erst will ich sehn, was ich kauf...
dein Honorar
hängt davon ab, wie es war.

FANTINE:
Euch will ich nicht. Nein, nein, Monsieur,
laßt mich geh’n.

BAMATABOIS:
Was hast du vor? ‘ne krumme Tour?

FANTINE:
Um keinen Preis.

BAMATABOIS:
Was fällt dir ein, du kleine Hur’,
du bist zu dreist.
Was beim Fleischer mein Recht,
ist bei Nutten wohl billig.
Zuerst wird geprüft, was ich teuer bezahl’.
Die Hure ist still und bescheiden und willig,
Der Freier ist König, die Hure bedient ihn,
sie hat keine Wahl!

FANTINE:
Verschwinde, sonst schlag ich
den Schädel dir ein!
Selbst eine Hur’, die im Elend verkommt,
beugt sich nicht einem Schwein.

BAMATABIOS:
Bei Gott, dafür wirst du bezahl’n,
dich laß ich bluten, denk daran,
ich garantier’ dir schlimmste Strafe
für deinen feigen Mordanschlag
auf eines Ehrenmannes Wohlergeh’n!

FANTINE:
Ich bitt’ Euch, zeigt mich nicht gleich an,
ich tu, was immer Ihr verlangt...

BAMATABIOS:
Erkläre das der Polizei!

JAVERT:
Sagt mir schleunigst, was gescheh’n ist.
Was? Warum? Und wo und wer?
Gebt mir gründlichste Beschreibung,
jede Auskunft braucht Javert.
Dieses Schlangennest ist tückisch.
Wer was weiß, der trete vor!
Wer verletzte diesen Herrn hier?
Wird’s nun bald? Ich bin ganz Ohr!

BAMATABOIS:
Javert, man sollt’s kaum glauben,
ich kam harmlos aus dem Park,
als die Hure hier mich ansprang.
Ihr könnt seh’n, es blutet stark.

JAVERT:
Man wird sie zur Rede stellen,
sie entgeht der Strafe nicht.
Ich versichre euch, mein Herr,
daß sie gesteh’n wird vor Gericht.

FANTINE:
Und was wird aus meinem Mädchen?
Guter Herr, sie ist noch klein.
Großer Gott, wenn ihr mich einsperrt,
wird sie bald gestorben sein!

JAVERT:
Bin gewöhnt an solchen Szenen,
seh’ sie schon seit zwanzig Jahr’n
Deine Worte, deine Tränen
kannst du dir getrost erspar’n
„Pflicht ist Pflicht. Tu sie gern. Dann gefällst du Gott
dem Herrn."

VALJEAN:
Ich bitt’ euch, haltet ein, Javert,
ich glaube, diese Frau hat recht:

JAVERT:
Herr Bürgermeister...

VALJEAN:
Ihr habt getan, was eure Pflicht.
Nun laßt sie gehn, es geht ihr schlecht.

JAVERT:
Herr Bürgermeister!

FANTINE:
Kann das sein?

VALJEAN:
Ihr armes Kind –
wie grausam Menschen sind.
Ich kenne dein Gesicht.
Wie kann ich dir nur helfen?
Was hat dich hergebracht
an diesen trüben Ort?

FANTINE:
Monsieur, mein Elend ist so groß,
verhöhnt mich nicht, ich bitte euch.
Ihr ließt den Vormann wild auf mich los,
ihr wart dabei,
ich war euch gleich.
Und mich traf keine Schuld!

VALJEAN:
hab ich Unrecht getan...

FANTINE:
Mein Kind ringt mit dem Tode...

VALJEAN:
... einer hilflosen Frau?

FANTINE:
Wenn es dich gibt, mein Gott...

VALJEAN:
Hätt’ ich damals gewußt...

FANTINE:
... nimm mich und laß sie hier.

VALJEAN:
Er ruft mich. Ich werde nach ihr seh’n.
Sein Werk soll geschehn!

JAVERT:
Herr Bürgermeister!

VALJEAN:
Sein Werk soll geschehn!

Die Prüfung (Wer bin ich?)

VALJEAN:
Er glaubt, der Mann sei ich,
schon auf den ersten Blick!
Der fremde, den er fand –
er sichert mir das Glück!
Laß Irrtum Irrtum sein,
ich rett’ ihm nicht die Haut.
ich hab’ so lang gekämpft
und so viel aufgebaut.

Gnad mir Gott, wenn ich mich zeig.
Doch er verdammt mich – wenn ich schweig!

Ich bin der Herr über viele Familien,
sie schau’n zu mir auf.
Wie soll es weitergehn,
wenn ich mich stellte
und gäb alles auf?

Gnad mir Gott, wenn ich mich zeig.
Doch er verdammt mich – wenn ich schweig!

Wer bin ich? Soll dieser Mann für mich in Ketten geh’n?
Ich würde noch im Schlaf sein Elend seh’n.
Ganz schuldlos trägt er mein Gesicht,
das Urteil aber meint doch mich.
Wer bin ich?
Ich fliehe vor der Wahrheit Jahr für Jahr,
als sei ich nicht der Mann, der ich doch war.
Und wenn ich sterb’: Wird auf dem Stein
mein Name eine Fälschung sein?
Wenn ich lüg’ –
wie könnt’ ich jemals wieder aufrecht geh’n
und jemals wieder in den Spiegel seh’n?
Mein Leben hab ich Gott geweiht,
der Handel gilt für alle Zeit.
Er gab mir Kraft, ich war verlor’n,
durch ihn erst wurde ich gebor’n.
Wer bin ich? Wer bin ich?
Bin Jean Valjean!

Und nun, Javert, tu deine Pflicht.
Der Sträfling, den du suchst, bin ich.
Wer bin ich?
Zwei-vier-sechs-null-eins!

Fantines Tod

FANTINE:
Cosette, mein Kind, du frierst.
Cosette, dein warmes Bett ruft.
Du hast den Tag verspielt
und bald beginnt die Nacht.

Komm, Cosette, wie wild die Schatten wandern.
Schau hinauf! Der Abendstern verneigt sich.
Komm zu mir und träum’ in meinen Armen.
Die Sonne wird davongejagt, die Nacht kennt kein Erbarmen.
Halt mich fest, ich will dich nicht verlieren.
Winterwind heult wütend um die Türen.
Alles dunkel ich kann dich nicht mehr sehen.
Ich sing dich in den Schlaf und morgen früh wirst du
verstehen...

VALJEAN:
Oh Fantine, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.
Doch Fantine, ich schwöre dir bei Gott...

FANTINE:
Schaut, Monsieur, die Kinder sind so froh!

VALJEAN:
Komm zur Ruh. Wart’, ich deck dich warm zu.

FANTINE:
Doch Cosette...

VALJEAN:
... wird immer bei mir bleiben.

FANTINE:
Nehmt sie jetzt.

VALJEAN:
Es wird ihr an nichts fehlen.

FANTINE:
Guter Herr, euch schickt wohl Gott im Himmel.

VALJEAN:
Und keiner tut Cosette ein Leid,
so lange, wie ich lebe.

FANTINE:
Bleibt bei mir,
die Nacht wird immer kälter.

VALJEAN:
Fantine, ich stütze dich.

FANTINE:
Grüßt mein Kind,
es kommt in gute Hände.

VALJEAN:
Fantine, ich schütze dich.

FANTINE:
Großer Gott, bleibt bei mir bis ans Ende,
und sagt Cosette, ich lieb’ sie
und seh sie morgen früh –

Der doppelte Schwur

JAVERT:
Valjean, ‘s ist aus
mit Bürgermeisterei!
Dein wahres Kettchen
wiegt so schwer wie Blei!

VALJEAN:
Bevor du weiter sprichst, halt ein, Javert.
Bevor du mich mit Lust in Eisen legst,
hör, was ich sag. Etwas bleibt für mich zu tun.
Dies Mädchen läßt ein krankes Kind zurück.
Nur ich allein kann ihm zur Seite steh’n.
In Gottes Namen, gib mir drei Tage Zeit.
Ich komm’ zurück. Ich geb’ mein Wort.
Ich komm’ zurück...

JAVERT:
Ich wär schön verrückt!
Ich jag’ dich durch die halbe Welt.
Ein Mann wie du bleibt immer gleich.
Ein Mann so wie du...

VALJEAN:
Glaub von mir doch, was du willst.
Ich hab dem Mädchen einen Eid geschwor’n.
Was weißt du von meinem Leben?
Ich hab’ nur ein Brot gestohl’n.
Du weißt nichts von wahrem Leid.
Ja, du wünschst, ich wäre tot.
Doch vorher sorg’ ich für Gerechtigkeit.
Oh, ich warne dich, Javert,
ich bin stärker, als du glaubst,
ich hab Kraft für hundert Mann,
ich mache noch nicht Schluß.
Ja, ich warne dich, Javert,
trau dich ja nicht zu mir her,
sonst bist du ein toter Mann,
ich tue, was ich muß.

JAVERT:
Dreck wie du bleibt immer gleich,
Dreck wie du bleibt immer gleich,
immer,
Zwei-Vier-Sechs-Null-Eins.
Ich bin hier das Gesetz, komm,
und gehorch,
komm mit mir,
Zwei-Vier-Sechs-Null-Eins.
Endlich will der Wind sich dreh’n,
Jean Valjean muß untergeh’n.
Spiel mir nicht die Unschuld vor, und
daß das Schicksal dich zerreibt.
Jeder Mensch, von Grund auf schlecht,
muß selber sehen, wo er bleibt!
Was weißt du schon von Javert?
Gitter brach mein Wiegenlicht.
Dreck sah meiner Mutter zu.
Ich stamm aus dem Dreck – wie du!

VALJEAN:
Bei allem, was mir heilig ist...

JAVERT:
... ich find dich. Du entkommst mir nicht.

VALJEAN:
Dein Mädchen hat es bei mir gut.

JAVERT:
Wo immer du dich auch versteckst...

VALJEAN:
... und ich geleite sie ans Licht.

BEIDE:
Ich schwöre es dir, bei meinem Blut!

In meinem Schloß

KLEINE COSETTE:
Nachts baut der Schlaf ein Schloß für mich,
das fegt ein Zauberbesen blank.
Keiner ist müde oder krank,
in meinem Schloß gibt’s so was nicht.

Fünfhundert Kinder lad’ ich ein,
Wir lassen keine Großen rein.
Nichts wird gestohlen, nichts zerbricht,
in meinem Schloß gibt’s so was nicht.

Dort wohnt die Fee im weißen Kleid,
die hat für alle Kinder Zeit.
Sie leuchtet mir
wie ein warmer Stern.
Sie sagt: „Cosette, ich hab dich furchtbar gern."

Kommt zu dem Schloß, wo keiner weint,
wo jeden Tag die Sonne scheint.
Keiner hat Tränen im Gesicht,
in meinem Schloß gibt’s so was nicht.

Wen ha'm wir hier?

MADAME THÉNARDIER:
Wen ha’m wir hier?
Das Fräulein faulenzt herum!
Ist wieder mal zu fein, um seine Arbeit zu tun!
Wehe dir, wenn ich dich erwische,
ich hau dich windelweich!
Zehn miese Francs schickt deine Mutter,
meinst du, das macht mich reich?

Den Eimer, schnell,
du kleine „Mademoiselle",
jetzt lauf und hol uns Wasser aus dem Quell.
Warum haben wir dich nur genommen,
wenn ich daran denke, dann packt mich die Wut!
Das Kind wie die Mutter, ich hab’s doch gewußt.
Eponine, komm mal her, Eponine, laß dich sehen,
das Hütchen in Blau, wie famos steht es dir.
Du weißt, was dir steht, wie man Mutter entzückt,
und du weißt, was sich schickt,
und ich danke dem Himmel dafür.

Noch da, Cosette?
Hör auf zu heulen, wird’s bald!
Ich sagte hol uns Wasser aus der Quelle im Wald...

Herr im Haus

MÄDCHEN:
Komm her, Warzenschwein!

ERSTER GAST:
Nur vom Feinsten darf es sein!

ZWEITER GAST:
Nektar, bis ich nimmer steh’!

THÉNARDIER:
Wie wär’s mit dem?
Der beduselt sich extrem,
das verspricht Thé-nar-di-er.

DRITTER GAST:
Wirt, komm endlich her!

VIERTER GAST:
Stell ihm doch ein Bein!

ERSTER GAST:
Ein’n für unterwegs,
einer geht noch rein.

MÄDCHEN:
Nicht mit mir, ich bin voll,
keiner paßt mehr bei mir rein.

THÉNARDIER:
Immer herein!
Ich krieg’ sie satt!
Ich bin der beste
Wirt in der Stadt.
Die Konkurrenz
panscht und betrügt,
rechnet euch schwindlig,
knausert und lügt.
Selten finden sie
soviel Sympathie,
ein Ehrenmann bin ich,
drum beehr’n sie mich!

Ich bin Herr im Haus,
taktvoll und charmant.
Halte meine auf
und küsse IHRE Hand.
Ich bring euch in Schwung,
manchmal auch in Wut,
meine Gäste lieben mich
als Tunichtgut.
Alles gäb ich her für Freunde,
aber wie ein jeder weiß:
Gehört dir nichts, dann biste gar nichts,
jedes Ding hat seinen Preis.

Ich bin Herr im Haus,
ich bin hier Dompteur.
Nehm euch einen Sou ab
oder auch mal mehr.
Wasser in den Wein!

ich weiß noch nicht mal, wie du heißt!
So ein Gesicht –
ohne dich leb’ ich nicht.

COSETTE:
Mein Herz ruft nach dir,
ganz gleich, was geschieht.

MARIUS:
Ich heiße Marius Pontmercy.

COSETTE:
Und ich Cosette.

MARIUS:
Cosette – ein Name wie ein Lied.

COSETTE:
Ein Lied für dich.

MARIUS:
Meinst du mich?

COSETTE:
Ewig dich.

MARIUS:
Mein Herz ruft nach dir...

BEIDE:
... mein Herz fliegt dir zu...

MARIUS:
Kann es denn wahr sein? Ich und du?
Cosette! Cosette!

COSETTE:
Wir sind verbunden ewiglich.

MARIUS:
Träume ich?

COSETTE:
Du träumst nicht.

MARIUS:
Mein Herz ruft nach dir.

EPONINE:
Niemals wollte er’s von mir.

MARIUS & COSETTE:
Mein Herz fliegt dir zu.

MARIUS:
Vom ersten Blick
an keine Ruh’.

EPONINE (gleichzeitig):
Keinen Blick
hat er dafür.

COSETTE:
Was ich auch tu...

EPONINE:
Niemals spricht er so mit mir,
nicht mit mir.

MARIUS:
... dir ganz nah.

EPONINE:
Nicht mit mir, nicht mit mir.

COSETTE:
Für dich da.

COSETTE & MARIUS:
Es ist
nicht nur ein Traum,
nein, kein Traum.
Komm, sag ja.

EPONINE (gleichzeitig):
Sein Herz...
... ruft nach ihr,
Nein, sein Herz ruft
nicht nach mir.

Der Überfall

MONTPARNASSE:
Dies ist sein Loch,
der alte Fuchs, er ist schlau.

CLAQUESOUS:
Er läßt sich kaum einmal seh’n.

BABET:
Er bleibt hübsch unten im Bau.

BRUJON:
Riecht nach Beute hier.

THÉNARDIER:
Zehn Jahre her,
er hat Cosette weggekauft.
Er hat sie billig gekriegt,
hab mir das Haar ausgerauft.
Jetzt bezahlt er mir.

BRUJON:
Mir doch egal,
wie du dich rächst.
Hauptsache ist,
daß du dann blechst!

THÉNARDIER:
Du hältst dein Maul.
Hilf mir da rauf!

BABET:
Wen ha’m wir hier?

THÉNARDIER:
Wer ist die Kleine?

BABET:
Bloß dein Balg Eponine.
Was will die hier, warum
schleicht sie dir um die Beine?

THÉNARDIER:
Eponine, hau schon ab!
Merkst du nicht, daß du störst?
Dies hier tun wir alleine.

EPONINE:
Ich kenn’ dies Haus.
Ich sag euch: Da drin gibt’s nichts zu hol’n.
Nur das Mädchen und der Mann,
die bewachen keinen Schatz.

THÉNARDIER:
Weg, und zwar gleich!
Spinnst du total?
Sonst wirst du von
mir übers Knie gelegt.

BRUJON:
Sie wird ja weich.

CLAQUESOUS:
Das ist normal.

MONTPARNASSE:
Hau’ ab, ‘Ponine.
Hau’ ab, du bist im Weg.

EPONINE:
Laßt sie in Ruh’! Oder ich schrei gleich!

THÉNARDIER:
Bist du wohl still! Oder ich hau dich
windelweich.

CLAQUESOUS:
Darf doch nicht wahr sein!
Hat man so was geseh’n?
Die Göre nimmt es sich raus, uns
eine Nase zu dreh’n!

BRUJON:
Keinen Laut will ich hör’n!

EPONINE:
Gut, ihr wollt es nicht anders.
Werdet schon sehen...

THÉNARDIER:
Warte, du Biest!
Das ging zu weit!
Ich hau’ dich blau!
Das tut dir Leid!
Die wird von mir
fertiggemacht.
Nehmt die Kanäle,
taucht in die Nacht!

MARIUS:
Was sie vertrieb – war das dein Schrei?
Wieder ‘Ponine – tapfer und treu!
Liebste Cosette, meine ‘Ponine
führte mich hier
zusammen mit dir!

Schritte ganz nah.
Fort! Doch ich bin
bald wieder da.

Der Aufbruch

VALJEAN:
Mein Gott, Cosette!
Was für ein schrecklicher Schrei!
Ich hörte viele laute Stimmen in der Nacht.

COSETTE:
Das war mein Hilferuf, Papa.
Ich hatte Angst und war allein.
Sie hörten mich und sie rannte fort.

VALJEAN:
Cosette, mein Kind, was wir nun aus uns zwei’n?

COSETTE:
Jenseits der Mauer sah ich sie,
drei Männer in der Dunkelheit.

VALJEAN:
Nein, meine Ruhe find’ ich nie.
Jetzt holt uns ein die alte Zeit.

Bestimmt Javert!
Er hat mich endlich gestellt!
Ich bring’ Cosette in Sicherheit,
die geben nicht auf!
Lebenslang gejagt von Schatten,
und sie kommen wieder her.
Gleich morgen nach Calais
und dann ein Schiff und übers Meer.
Mach schon, Cosette, pack alles ein,
frag nicht wofür!
Ich will ja nur dein Glück.
Mach schon, Cosette, wir schließen hinter uns die
Tür und kommen nie zurück.

Morgen schon

VALJEAN:
Morgen schon!
Ein neuer Tag – und doch, die Angst bleibt da
auf meinem langen Weg nach Golgatha.
Die Kerle kennen mein Geschick,
und sicher kommen sie zurück –
morgen schon!

MARIUS: Ich habe nicht gelebt bis heut’,
wie kann ich leben, wenn du fort bist?

VALJEAN:
Morgen schon.

MARIUS & COSETTE:
Schon morgen bist du furchtbar weit –
wenn alles, was mir bleibt, dein Wort ist?

EPONINE:
Morgen noch ein’ Tag allein.

MARIUS & COSETTE:
Werden wir uns wiederseh’n?

EPONINE:
Noch ein Tag, an dem er wegschaut.

MARIUS & COSETTE:
Denn ich lebe nur für dich.

EPONINE:
Niemals wird er bei mir sein.

MARIUS & COSETTE:
Halt mich fest und glaub an mich!

EPONINE:
Nie hat er an mich geglaubt!

ENJOLRAS:
Morgen schon brüllt der Orkan!

MARIUS:
Folg’ ich ihr, wohin sie geht?

ENJOLRAS:
Barrikaden künden Freiheit!

MARIUS:
Brauchen mich die Brüder hier?

ENJOLRAS:
Morgen schon bricht Freiheit an!

MARIUS:
Wenn ich bleib – was wird aus mir?

ENJOLRAS:
Wißt ihr wo ihr hingehört?

CHOR (gleichzeitig):
Die Zeit ist reif
Der Tag ist nah.

VALJEAN:
Morgen schon!

JAVERT:
Morgen schon kommt die Revolte,
wir ersticken sie im Keim.
Soll’n sie kommen, diese Schuljungs,
blutig schicken wir sie heim!

VALJEAN (gleichzeitig):
Morgen schon!

THÉNARDIERS:
Was für ein Gewühl.
Morgen sind sie tot.
Morgen gibt’s Gefühl
im Sonderangebot.
Nehmt die Helden aus,
faßt in ihren Latz.
Morgen abend sind sie
alle abgekratzt!

CHOR (2 Gruppen):
1: Morgen schon ein neuer Anfang...
2: hebt die Freiheitsfahne hoch...
1: der das Recht für alle bringt...
2: die das Recht für alle bringt.
1: Harmonie und neuer Einklang...
2: hört ihr, wie die Menschheit singt?

BEIDE GRUPPEN:
Hört ihr, wie das Volk erklingt?

MARIUS:
Mein Platz ist hier.
Ich kämpf mit euch.

VALJEAN:
Morgen schon.

MARIUS & COSETTE:
Ich habe nicht gelebt bis heut...
... wie kann ich leben, wenn du fort bist?

JAVERT (gleichzeitig):
Ich verkleide mich als Volksheld,
ich verfolge jeden Schritt.
Ich will wissen, was sie wollen,
mach zum Schein das Spielchen mit

EPONINE (gleichzeitig):
Morgen noch ein Tag allein.

VALJEAN (gleichzeitig):
Morgen schon!

THÉNARDIERS:
Was für ein Gewühl.
Morgen sind sie tot.
Nehmt die Helden aus.
Faßt in ihren Latz!

MARIUS & COSETTE:
Schon morgen bist du furchtbar weit...
... wenn alles, was mir bleibt, dein Wort ist.

JAVERT (gleichzeitig):
Morgen schon kommt die Revolte,
wir ersticken sie im Keim.
Soll’n sie kommen, diese Schuljungs...

EPONINE (gleichzeitig):
Niemals wird er bei mir sein.

THÉNARDIERS (gleichzeitig):
Was für ein Gewühl...
Morgen sind sie tot.
Morgen gibt’s Gefühl im Sonderangebot.

VALJEAN:
Drum fliehe, wer noch leben mag,

VALJEAN & JAVERT:
schon morgen ist der jüngste Tag.

ALLE:
Denn morgen wird sich zeigen,
ob uns Gott für unser Leid belohnt.
Morgen früh
oder nie!
Morgen schon!

2. Akt

Nur für mich

EPONINE:
Und wieder bin ich ganz allein,
ein Botengang mit Höllenqualen.
Ich will kein Geld von euch, mein Herr,
das ist mit Geld nicht zu bezahlen.
Die Nacht ist schon so nah –
fast könnt’ ich glauben er wär da.

Ich ziehe oft allein umher,
wenn alle andern Menschen schlafen.
Wie oft hab ich von ihm geträumt,
und daß wir uns im dunkeln trafen.
Der Mond am Himmelszelt
führt mich in meine eigne Welt.

Nur für mich,
im Stillen ist er bei mir.
Ganz allein durchwachen wir die Nächte.
Dann spür ich:
Sein ferner Arm berührt mich,
und wenn ich mich verlauf, schließ ich die Augen
und er führt mich.

Regen fällt, die Straße fließt wie Silber.
Nebel steigt, im Fluß verwehn die Lichter.
Dunkle Bäume, die Zweige schwer von Sternen,
und alles was ich seh, sind unsre ewigen Gesichter.

Doch ich weiß, es kann ja nie gescheh’n,
denn ich red nur mit mir selbst und nicht mit ihm.
Ja, ich weiß, er hat mich überseh’n,
ganz egal, ich muß zu ihm steh’n.

Ich lieb ihn, doch geht die Nacht vorüber,
ist er fort. Der dunkle Fluß wird trüber.
Er fehlt mir – die Welt verliert die Farben,
die Bäume kahl, die Menschen fahl,
die Straßen voller Narben.

Ich lieb ihn,
doch täglich muß ich sehen,
wie er lebt, als hätt’s mich nie gegeben.
Sein Leben wird ohne mich vergehen.
Die Welt ist voller Seligkeit und darf nicht hinein.
Ich lieb ihn – ich lieb ihn – ich lieb ihn,
doch nur für mich allein.

Siegen oder untergeh’n

COMBEFERRE, FEUILLY,
COURFEYRAC, PROUVAIRE:
Hier geloben wir: Die Barrikade hält.

MARIUS:
Laß sie kommen in Scharen,
wir reiben sie auf!

ENJOLRAS:
Was heute geschieht,
verändert die Welt.

GRANTAIRE:
Wir hau’n sie zusammen,
verlaßt euch darauf.

COMBEFERRE:
Hier und jetzt fängt es an!

COURFEYRAC:
Und wenn’s mich erwischt, wo sich Menschen befrei’n,
wo’s am heißesten hergeht,
dort werd’ ich sein!

FEUILLY:
Euch beerdigen wir.
Wir sind hier!

ARMEEOFFIZIER:
He, ihr Verrückten, hört zu, was ich sag!
Keiner greift ein, wenn man euer Fell gerbt!
Ihr seid allein
und ohne Freund.
Ergebt euch – oder sterbt!

ENJOLRAS:
Siegen oder untergeh’n!
Sie soll’n unsre Volksmacht seh’n!

ENJOLRAS UND STUDENTEN:
Siegen oder untergeh’n!
Sie soll’n unsre Volksmacht seh’n!

Javert auf der Barrikade

POSTEN (JOLY):
Er ist zurück.

JAVERT:
Freunde, hört her,
Ich hab’ alles geseh’n,
ihre Reihen steh’n dicht,
die Reserven sind groß,
nein, ich irre mich nicht.

Sei’n wir gewarnt!
Ihre Feuerkraft reicht,
uns zu Leibe zu geh’n,
jede List wird gebraucht,
um den Kampf zu besteh’n.

ENJOLRAS:
Habt Mut!
Wenn du all ihre Pläne kennst,
steht’s für uns gut.
Wir sind stark, doch auf unsre Art.
Wir besiegen Regimenter.

JAVERT:
Ich hab’ alles mitgehört.
Sie greifen nicht mehr an heut’ nacht.
Erst mal hungern sie uns aus,
doch dann eröffnen sie die Schlacht.
Jedes Sturmgeschütz
wird nach rechts gebracht.

Wir Kleinen

GAVROCHE:
Lügner!
Ich grüße Sie, Inspektor,
und ich freue mich sehr.
Ich kenne diesen Schuft,
er heißt Inspektor Javert!
Drum glaubt ihm bloß kein Wort, er lügt,
sobald er nur spricht.
Ich bin zwar ziemlich klein
doch hintergeht man mich nicht!
Wir Kleinen können mehr,
sind flinker als der Blitz.
Seh’n aus wie leichte Beute,
doch wir beißen spitz!
Drum trete keinen Hund,
auch wenn’s ein Welpe ist.
Wir kämpfen, bis uns jeder
aus den Händen frißt!
Und der Welpe frißt euch auf
wenn er erwachsen ist.

Der Regen (Eponines Tod)

EPONINE:
Keine Angst, Monsieur Marius,
ich bin nicht mehr in Not.
Der Regen färbt mich rot,
doch tut er mir nicht weh.
Ihr helft – ich könnt vor Glück verglüh’n.
Ihr schützt mich vor der Nacht,
Ihr haltet mich ganz sacht
und Regen läßt die Blumen blüh’n.

MARIUS:
Ich brauche dich, ‘Ponine, ich geb’ die Welt,
wenn meine Liebe dich am Leben hält.

EPONINE:
Umarmt mich nur, und grämt euch nicht.
Streichelt mich, tröstet mich.

MARIUS:
Leben sollst du hundert Jahr’,
du hattest es so schwer.
Ich geb’ dich nicht mehr her.

EPONINE:
Der Regen schmerzt nicht mehr.
Der Regen wäscht mein Leben rein.
Ihr schützt mich vor der Nacht,
Ihr haltet mich ganz sacht.
Ich schlaf in euren Armen ein.
Der Regen hat euch mir
so nah gebracht.
Der Mond hat sich
vom Nebel frei gemacht.
Ich atme eure
Nähe ein,
fast zu schön, um wahr zu sein.
Keine Angst, Monsieur Marius,
ich bin nicht mehr in Not.
Der Regen färbt mich rot,
doch tut er nicht mehr weh.
Ich könnt vor Glück verglüh’n.

MARIUS:
Schlafe, meine Eponine.
Du bist nicht mehr in Not.
Der Regen färbt dich rot,
doch tut er dir nicht weh.
Ich helf...

EPONINE:
Ihr schützt mich vor der Nacht,
ihr haltet mich ganz sacht,
und Regen
läßt die Blumen...

MARIUS:
... und ich komm mit dir
in deine Träume...
... läßt die Blumen blüh’n.

Jean Valjean auf der Barrikade

JOLY:
Hier kommt ein Mann in Uniform.
Was willst du bei uns? Sprich!

VALJEAN:
Ich schließe mich dem Aufstand an.

JOLY:
Komm her, zeig dein Gesicht!

POSTEN:
Warum trägst du Soldatenrock?

VALJEAN:
So ließ man mich hier rein.

JOLY:
Ihr seid nicht mehr ganz jung, mein Herr.

VALJEAN:
Ich kann euch nützlich sein.

JOLY:
Schaut euch den Gefangenen an.

GRANTAIRE:
Freiwillig kam auch er!

COMBEFERRE:
Ein Spitzel! Sagt, er heißt Javert.

COURFEYRAC:
Er ist ein toter Mann.

POSTEN:
Sie kommen! Zeit, daß man sie grüßt!

Der erste Angriff

ENJOLRAS:
Nehmt dies und legt gut an.
Und wer uns in den Rücken schießt,
hat wenig Freud dran

POSTEN 1:
Ein Zug Pioniere im Anmarsch auf die Barrikade!

POSTEN 2:
Infanterie hinter ihnen! Fünfzig Mann oder mehr!

ENJOLRAS:
Feuer!

STIMME:
Scharfschütze

Trinkt mit mir

FEUILLY:
Trinkt mit mir auf all die Zeit.
Singt mit mir, die Nacht ist weich.

PROUVAIRE:
Träumt von all den Mädels,
die man gern hätt’.

JOLY:
Denkt an all die Mädels
in eurem Bett.

FEUILLY, PROUVAIRE, JOLY, COMBEFERRE:
Trinkt auf sie
und trinkt auf euch!

GRANTAIRE:
Trinkt mit mir auf all die Zeit.
Schließlich ist der Tod nicht weit!
Wer wird an dich denken, wenn du krepierst?
Kann es sein, daß du kein Schwein interessierst?
Heldentraum – und Wirklichkeit...

MÄNNER: Trinkt mit mir

FRAUEN: Trinkt mit mir

MÄNNER: auf all

FRAUEN: auf all

MÄNNER: die Zeit.

FRAUEN: die Zeit.

MÄNNER: Auf den Tag

FRAUEN: Auf den Tag

MÄNNER: und auf

FRAUEN: und auf

MÄNNER: das Licht.

FRAUEN: das Licht. Daß den
Schrein der Freundschaft
keiner betrügt!

ALLE:
Daß der Wein der Freundschaft
niemals versiegt!

MÄNNER: Trink auf dich

FRAUEN: Trink auf dich

MÄNNER: und trink

FRAUEN: und trink

MÄNNER: auf mich.

FRAUEN: auf mich.

MARIUS:
Bald schon fährt sie übers Meer,
heut’ empfängt mein Herz den Stich.
Nur mit dir, Cosette,
erwärmt sich die Welt.
Fühlst du Schmerz, Cosette,
wenn Marius fällt?
Ob du weinst,
Cosette,
um mich?

Bring ihn heim

VALJEAN:
Herr, mein Gott,
hör mein Fleh’n.
Steh mir bei,
laß kein Unrecht gescheh’n.
Er ist jung,
laß ihn zieh’n.
Hilf im auf,
segne ihn.
Bring ihn heim.
Bring ihn heim.
Bring ihn heim.
Er rührt mich wie mein eigner Sohn,
hätt’ Gott mir einen Sohn gewährt.
Die Sommer flieh’n,
unbeschwert
verfliegen sie
um mich her,
und ich bin alt
und bleib nicht mehr.
Laß ihn blüh’n,
liebesblind.
Segne ihn,
er ist fast noch ein Kind.
Herr, du nimmst,
Herr, du gibst,
doch du schützt,
die du liebst.
Meinen Leib geb’ ich hin,
laß ihn zieh’n, bring ihn heim,
bring ihn heim,
bring ihn heim.

Die letzte Schlacht

ARMEEOFFIZIER:
He, Barrikadenpack, hört einmal her!
Das Volk von Paris schläft friedlich und tief.
Ihr seid verlor’n
und ganz allein.
Sucht ihr den sich’ren Tod?

ENJOLRAS:
Lebend bekommt man uns nicht!
Ich erschieß, wen ich kann.

COMBEFERRE:
Bis das Auge mir bricht!

COURFEYRAC:
Rache nun für jeden Mann.

ENJOLRAS:
Laßt andre unsre
Erben sein,
die Erde zu befrei’n!

In der Kanalisation

THÉNARDIER:
Ha, da grinst das Gold
frech aus dem Gebiß.
Ihr versteht, Monsieur,
mir nützt es ungleich mehr als euch.
Morgen bring ich’s an den Mann.
Nochmals vielen Dank.
Pfeif’ auf den Gestank.
Leichenduft im Rattenloch,
die Hölle haucht dich an,
doch du gewöhnst dich schnell daran.

Auch hier muß einer nach dem Rechten seh’n.
Kannst du mir ruhig glauben,
gar nicht nötig, daß du grienst.
Jemand muß für die Ordnung geradesteh’n.
Bin im öffentlichen Dienst.

So ein schicker Ring,
fesches kleines Ding,
wenn ich den nicht greife,
bin ich wirklich strafbar dumm.
Edler Herr, mein Dank ist groß.

Feiner Glitzerdreck,
nehm’s dem Buben weg,
sein Herzchen schlägt nicht länger,
seine Erdenzeit ist um.
Doch die Uhr tickt tadellos.

Auch hier muß einer nach dem Rechten seh’n,
bevor die kleine Ernte
wegschwimmt im Kloakensud.
So was läßt Thénardier nicht untergeh’n,
wenn die Gosse trieft vor Blut.

Schöne Welt, wo du Reißzähne brauchst,
Sieger bleibt nur das gierigste Tier.
Und Gott in der Höhe,
der mischt sich nicht ein,
der ist tot wie der Kerl hier vor mir.
Ich such in den Wolken nach dem Himmel
und finde doch nur den Mond,
hier scheint der Beutemond.

Javerts Selbstmord

JAVERT:
Was für ein Mann!
Was für ein teuflischer Plan!
Er stellt mir Fallen, und dann –
dann fängt er nichts damit an!
Denn seine Stunde war da,
besiegelt war mein Geschick,
alles was war
bekommt man einmal zurück.
Kurzer Prozeß,
nur ein Stich und ein Schrei,
die Rache war sein – und er ließ mich wieder frei!
Nein, ich leb nicht in der Schuld eines Diebs,
die Jagd ist aus, doch ich wahr’ mein Gesicht.
Ich bin das Recht, und das macht man nicht schlecht,
spuck’ auf sein Mitleid – ich brauche es nicht!
Es gibt nichts, was gemeinsam und wär’.
Es heißt: Entweder ich oder er!

Hat dieser furchtbar fremde Mann
schon über meinen Sinn Gewalt?
Der Mann, den ich so glühend jagte,
war gnädig zu mir, gab mir die Freiheit.

Ich sollt’ vergeh’n durch seine Hand,
das war sein Recht.
Mein Recht war nur mein eigner Tod,
jedoch ich leb’ in Höllennot.

Alles dreht sich in mir.
Kann man diesem Mann trau’n?
Schenkt ihm Gott seine Gnade?
Wird den Himmel er schau’n?
Wird nun der Zweifel mich verzehr’n,
der all die Jahre mich nicht fand?
Mein Herz aus Stein beginnt zu beben,
die Ordnung der Welt versinkt im Schatten.
Schickt in der Satan, schickt ihn Gott?
Kann er versteh’n?
Durch sein Erbarmen heute nacht
muß ich erst recht zu Grunde geh’n.

Ich verlier’ den letzten Halt,
die Gestirne schwarz und kalt,
ringsumher die nackte Nacht
droht in gräßlicher Gastalt.
ich quittiere meinen Dienst
in der Welt des Jean Valjean,
hier bleibt nichts für mich zu tun,
bricht kein neuer Morgen an ———

Weiter

1. FRAU:
Saht auch ihr die
Kinder geh’n zur Schlacht?

2. FRAU:
Barrikadenkinder, wie sie
starben letzte Nacht?

3. FRAU:
Saht auch ihr sie
liegen blutbefleckt?
Jemand sang auch sie in Schlaf
und hat sie zugedeckt.

4. FRAU:
Sei verflucht, wer
Kinder niederstreckt!

5. FRAU:
Keiner weckt sie.

6. FRAU:
Keiner holt sie her.

2. FRAU:
Blutig kann der Sommer sein,
umsonst und sorgenschwer.

7. FRAU:
Lauter Schuljungs
vor dem ersten Kuß.
Kämpften für die Zukunft,
weil die Wahrheit siegen muß.

3. FRAU:
Was bleibt übrig nach dem letzten Schuß?

4. FRAU:
Nichts wird anders.
Alles bleibt sich gleich.

8. FRAU:
Jedes Jahr ein neuer Balg, wir sorgen dann für euch.

7. FRAU:
Weiter geht’s, Tränen sind verkehrt.

6. FRAU:
Warum soll’n wir beten,
wenn uns niemand dabei hört?

FRAUEN (ALLE):
Weiter, weiter, weiter trifft es jeden,
der sich wehrt.

Weiter, weiter, weiter wie es war.
Stunden werden Tage und schon wieder flieht ein Jahr.
Nichts wird anders. Nichts fällt in den Schoß.
Schnell dreht sich das Karussell und wieder geht es los.
Schneller – und die Schatten werden groß!

Dunkles Schweigen an den Tischen

MARIUS:
Dieser Schmerz kennt keinen Namen,
niemand bringt sie wieder her.
Dunkles Schweigen an den Tischen,
meine Freunde sind nicht mehr.

Hier erhob sich ihre Flamme,
hier ergriff sie Mann für Mann.
Hier besangen sie die Zukunft,
doch die Zukunft brach nicht an.

Von dem Tisch dort tief im Winkel
schauten sie die neue Welt,
und ihr Lied stieg hoch zum Himmel,
ich vernehm’ sie noch,
denn jedes Wort hat sie geeint
zum Abendmahl der Freundschaft
für den Barrikadentod als Held.

Meine Freunde, seid mir gnädig,
ich vermisse euch so sehr.
Dieser Schmerz kennt keinen Namen,
niemand bringt euch wieder her.

An den Fenstern starr’n Gespenster,
werfen Schatten in den Raum.
Dunkles Schweigen an den Tischen,
keiner teilt mit mir den Traum.

Meine Freunde, fragt mich niemals,
ob sich solch ein Opfer lohnt.
Dunkles Schweigen an den Tischen,
weil kein Freund die Nacht bewohnt.

Jeden Tag

COSETTE:
Jeden Tag
denken wir an die Nacht,
die uns ewig gemacht.

Mein Herz ruft nach dir,
nach dir jede Nacht.
Das Schicksal hat
es wahr gemacht,
ein Traum ward wahr –
durch alle Stürme und Gefahr!

MARIUS:
Ihr, Mademoiselle,
seid mein Stern – klar und hell.

COSETTE:
Mein Herz ruft nach dir.
So froh war ich nie:
„Ich heiße
Marius Pontmercy..."

VALJEAN:
Halten kann und darf ich nicht.
Sie ist jung, ich muß versteh’n.

MARIUS:
Cosette, Cosette.

COSETTE:
Vom ersten Blick an keine Ruh’.

VALJEAN:
Frei blüht die Liebe,
blüht das Glück.

MARIUS:
Was ich auch tu –
dir ganz nah.

VALJEAN:
Laß sie geh’n.
Laß sie geh’n.

COSETTE:
Für dich da.

MARIUS & COSETTE:
Es ist nicht nur ein Traum,
es ist Wirklichkeit –
komm, sag Ja.

VALJEAN:
Ein Herz voll Vertrau’n
ist mein Hochzeitsgeschenk.

Die Hochzeit

CHOR:
Nun läutet ein,
denn heut soll Hochzeit sein!
Heut gibt’s für zwei vom
Himmelreich ein Stück!

CHOR (2 Gruppen):
1: Die Engel jubeln,
2: Die Engel jubeln,
1: was könnt’ schöner sein?
2: was könnt’ schöner sein?
1: Und krönen diesen Tag
2: Und krönen diesen Tag
1: mit Glanz und Glück.
2: mit Glanz und Glück.

MAJORDOMUS:
Baron und Baronesse de Thénard wünschen dem
Bräutigam ihre Aufwartung zu machen!

Bettler ans Buffet

THÉNARDIER:
Ich lach’ mich tot!
Ich glaub’, ich spinn’!
Vornehmstes Pack
und ich mittendrin!

Hier kommt ein Prinz,
dort geht ein Jud’.
Der da ist schwul,
doch sonst geht’s ihm gut.

Ganz Paris ist mein,
ganz Paris hat Gicht.
Und ich? Ich freß mich durch
durch die Oberschicht...

Bettler ans Buffet!
Das ist unser Tanz!
Leben kann so schön sein,
aber leb’ es ganz!
Alle sind mondän,
alle sind bigott.
Immer hübsch gesittet,
aber längst bankrott!
Sonntags wird Herrn Gott befohlen,
daß er’s ihnen wohlgeh’n läßt.

THÉNARDIER & MADAME THÉNARDIER:
Doch wir sind die, die’s raffen,
die, die’s immer schaffen, das steht fest.

Los, ihr Lumpen tanzt!
Wackelt mit dem Kopf!
Wir behalten immer
unsern klaren Kopf!
Wir die wahren Herr’n –
ist das nicht ein Hohn?
Wenn die Barrikaden fall’n:
Wir warten schon!
Ganz egal, woher der Wind weht –
Geldgeruch ist stets dabei.

Warum soll ich nicht reich sein?
In der Hölle sind noch Plätze frei!

Epilog

VALJEAN:
Nun bist du da
an meiner Seite,
nun kann ich ruhig geh’n,
mein Leben ist erfüllt...

COSETTE:
Du bleibst hier, Papa, du bleibst bei mir,
viel zu früh f


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