Mit ihrem durchschlagenden Debüt The Used setzten THE USED einen Felsbrocken von einem Meilenstein in die Landschaft, der weder jenseits noch diesseits des Ozeans zu übersehen war. Annähernd 1 Million verkaufte Exemplare allein in den USA, dazu erdbebenartige Live-Erfolge auch bei uns, die innerhalb kürzester Zeit zu Konzertverlegungen in größere Hallen und einer begeisterten Fancrowd führte. Visions erkor das Debüt zur Platte des Monats, Uncle Sally’s übertitelte ihre Rezi salopp mit dem Sl...
Mit ihrem durchschlagenden Debüt The Used setzten THE USED einen Felsbrocken von einem Meilenstein in die Landschaft, der weder jenseits noch diesseits des Ozeans zu übersehen war. Annähernd 1 Million verkaufte Exemplare allein in den USA, dazu erdbebenartige Live-Erfolge auch bei uns, die innerhalb kürzester Zeit zu Konzertverlegungen in größere Hallen und einer begeisterten Fancrowd führte. Visions erkor das Debüt zur Platte des Monats, Uncle Sally’s übertitelte ihre Rezi salopp mit dem Slogan Band des Jahres. Und das lag mit Sicherheit nicht an der Liaison Berts mit Ozzy-Schätzchen Kelly, sondern an seiner unfassbaren Energie und einem Organ, das Wände wackeln ließ. In der Tat empfahl selbst Brigitte YoungMiss ihren Leserinnen das Mitsingen: „CD einlegen und alles rausbrüllen – das hilft.“ Nun, die Affäre mit Kelly ist durch, die Anfangswirrungen ausgestanden und die Jungs haben sich mit über 600 Live-Gigs in 18 Monaten einiges an Souveränität und Erfahrung raufgeschafft. Jetzt wird’s Zeit für den Nachfolger In Love And Death – der sich in den USA auf Anhieb auf die 6 der Billboard Top-200 brüllte. Reibung heißt der Motor der Band aus Orem im Mormonenstaat Utah, und Reibung ist das, was die Songs von In Love And Death den Ohren antun. Dabei entsteht, wie wir alle wissen, Hitze, die auf einem Album für Funken und auf der Bühne für Ausbrüche sorgt. Reibung verursacht auch das Zusammenspiel von vier ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich über ganz unterschiedliche Backgrounds und musikalische Vorlieben definieren. Eine solche explosive Chemie hätte vielleicht die eine oder andere Band schon im Vorfeld zerschmettert, bei THE USED führte sie zu starker tiefer Freundschaft und dazu, dass das Line-Up unverändert ist und damit auch der emotionale Impact. „Das Album aufzunehmen war ein ziemliches Drama,“ lacht Drummer Branden rückblickend. „Aber es gibt kein optimales Aufnahme-Umfeld, und ich denke, das Album ist umso besser geworden, gerade weil es uns nicht einfach so zugeflogen ist.“ Nun gut, die altbekannte Anstammung der Jungs im Über-Christentum in Orem mag einer der Gründe für inkorporiertes Rebellentum und dementsprechender Inkubation einer Rock-Revolution sein, aber fragt man Bert McCracken nach den Ursachen seiner Auflehnung, dann kommt da mehr als eine schwere Kindheit heraus. „Ich habe schon immer gegen Konformitätsdruck rebelliert,“ gibt er zu Protokoll. „Nicht nur innerhalb der konservativen Kultur in Utah. Ich habe gegen die Mormonen rebelliert, indem ich andere Kirchen besucht habe. Ich habe gegen meine Eltern rebelliert, indem ich mich weigerte, Fleisch zu essen. Ich habe gegen meine Freunde und mich selbst rebelliert, indem ich Drogen nahm. Und rebelliere gegen alles, was mich fertigmacht, indem ich mit den Jungs in dieser Band gespielt habe.“ Der Erfolg des ersten Albums führte definitiv dazu, dass THE USED der Enge ihrer heimatlichen Kleinstadt entfliehen konnten und, mehr noch, der Enge ihrer eigenen Perspektivlosigkeit, die in Armut, Obdachlosigkeit und – in Berts Fall – in der Drogenabhängigkeit bestand. Damals wollten sie unbedingt raus aus Orem. „Weißt Du, wenn Du über den Gartenzaun guckst, dann willst Du immer rüber, weil Du glaubst, die Party da sei besser. Wir haben uns immer gesagt, wir wollen raus, wir schaffen das,“ so Quinn. Und Bassmann Howard ergänzt: „Wir haben nicht mal daran gedacht, dass es schief gehen könnte.“ Seitdem ist eine Menge passiert. So hatten THE USED es bei Erscheinen ihres Debüts gerade mal auf 20 Gigs in der Region gebracht und gingen dann auf eine ausgiebige Tour, die zu mehr als 600 Gigs führte, incl. Ozzfest, Vans Warped und Linkin Park Projekt Revolution-Tour. Klar, dass sich das auf In Love And Death hörbar niederschlägt. „Wir hätten das erste Album nicht noch einmal schreiben können,“ so Branden. „Damals hatten wir Hunger, versuchten in normalen Jobs über die Runden zu kommen und konnten uns nicht mal Drumsticks oder Saiten kaufen. Das war diesmal nicht das Problem, wir hatten wir es mit ganz andere Erfahrungen und Herausforderungen zu tun.“ So wurde Berts, nun ja, unfreiwillige Angewohnheit, sich auf der Bühne so zu verausgaben, dass er regelmäßig kotzen musste, zu einem echten Problem, als seine Bauchspeicheldrüse das nicht mehr mitmachte und er auf der Bühne kollabierte. Gigs mussten abgesagt werden, das Schicksal von THE USED hing sozusagen an einem seidenen (Speichel-)Faden. Da denkt man dann schon einmal länger nach: „Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit Tod und Leben auseinandergesetzt,“ erklärt Bert. „Und ich hab festgestellt, dass der Moment das ist, was zählt. Der Moment birgt jede Möglichkeit in sich: Leben, Tod, Glück, Verzweiflung.“ Im Herzen des Albums schlägt eine Uhr – ein Geräusch, das immer wieder mal auftaucht. Deutlich im Intro zu Let It Bleed, motivisch in der Gitarrenfigur von Cut Up Angels. Bert seinerseits versucht die entfliehende Zeit bei Yesterday’s Feelings festzuhalten (Yesterday’s feelings will be all lost in time), doch auf In Love And Death ist alles in Bewegung. „Wenn du Wochen und Monate auf Tour bist und dich jeden Tag in einer anderen Stadt wiederfindest, dann wird das Gefühl der Rastlosigkeit zu einem Teil von dir. Das kann man auf In Love And Death hören.“ Bleibt die Frage, wie Bert mit seiner physischen Labilität umgehen wird. Vom explosiven Sprinter zum haushaltenden Marathonläufer mutieren? „Das ist eine gute Frage,“ sinniert er. „Manchmal scheint alles außer Kontrolle zu geraten, aber eigentlich ist es nie ganz so schlimm. Darum geht es auf Take It Away. Ich muss jeden Tag kleine Schritte machen, um besser mit der Situation klar zu kommen. Es wird wohl ganz im Allgemeinen noch viel Scheiße passieren, aber ich muss auch einsehen, dass jeder Fehler auch ein Teil von mir ist. Und dass ich daraus lernen muss, die Erfahrungen als positiv zu betrachten.“ Wie schon bei Vorgänger arbeiteten THE USED auch auf In Love And Death wieder mit Producer Feldman zusammen. „Wenn’s nicht kaputt ist, reparier’s nicht“, so bringt Branden es auf den Punkt. „Er kennt uns inzwischen wirklich gut, und wir hatten beim ersten Mal viel Spaß miteinander. Er war dabei, als wir musikalisch erwachsen wurden. Er kennt und respektiert unseren Drang, Experimente einzugehen. Jeder von uns hat versucht, sich selbst immer weiter nach vorn zu bringen.“ In Love And Death ist in seiner stilistischen Spannweite dementsprechend noch vielfältiger als The Used. Da entdeckt man von Garage über Neo-Metal über Punk und Pop bis hin zu undefinierbaren Hybriden eine Unmenge an Ideen und Grenzüberschreitungen. Und immer wieder ist es Berts ungreifbar kratzender Gesang, der den Songs ihre aufgerissene Seele verleiht. Quinn beschrieb Bert einmal als eine Mischung aus Mick Jagger und einem Werwolf. Das liegt nicht so fern, bedenkt man, dass Bert am liebsten nachts und im Mondlicht arbeitet und zu wahrlich wölfischem Heulen neigt. Er hat ein gespaltenes Verhältnis zu Liebe, Licht und Leben. Und doch hört man immer wieder so etwas wie einen Schimmer Hoffnung heraus, dass eines Tages die Sonne aufgeht und Bert sich ihr stellen kann. Bis dahin sollte man In Love And Death ausgiebig genießen. Ein THE USED-Album heftig wie man es erwartet hat und sehr viel tiefgreifender und vielfältiger als man hätte erwarten können.

