Manchmal gelingt es Musik, den Zeitgeist einzufangen und Horizonte zu erweitern. Der Musikindustrie dient sie jedoch oftmals nur dazu, schnelles Geld zu verdienen. Und viele Käufer lassen sich nur zu gerne mit Gefälligem bedienen. Aus London kommt mit The Servant (dt.: Diener) jetzt eine Band, die den Spieß umdreht. Mit eingängigen Ohrwurm-Melodien schwimmt sie im Mainstream und infiziert diesen mit ihrem fast schon schizoiden Mix aus düsteren Sounds und aussagekräftigen Lyrics. Der mit dem ...
Manchmal gelingt es Musik, den Zeitgeist einzufangen und Horizonte zu erweitern. Der Musikindustrie dient sie jedoch oftmals nur dazu, schnelles Geld zu verdienen. Und viele Käufer lassen sich nur zu gerne mit Gefälligem bedienen. Aus London kommt mit The Servant (dt.: Diener) jetzt eine Band, die den Spieß umdreht. Mit eingängigen Ohrwurm-Melodien schwimmt sie im Mainstream und infiziert diesen mit ihrem fast schon schizoiden Mix aus düsteren Sounds und aussagekräftigen Lyrics. Der mit dem Fuß wippende Pop-Fan wird sich bald fragen müssen: wer dient hier wem? The Servant servieren uns auf ihrem gleichnamigen Debüt-Album 11 Songs zwischen Prince und The Smiths, die mal mit der unbeholfenen Brachialität eines bäuerlichen Knechts ("Devil"), mal mit der gespielten Naivität eines Dienstmädchens ("Liquefy") daher kommen. Basierend auf dem Punk der 80er, werden Funk- und Elektroelemente mit so gegensätzlichem wie Hip Hop und Dance-Einflüssen gemischt. Es ist dieser musikalische Hintergrund, der den schaurig-schönen Songs trotz ihrer popigen, teils fröhlichen Melodien dennoch auch immer etwas Schweres und Verunsicherndes verleiht. The Servant nutzen das Gewand des melodischen, vordergründig unverfänglichen Pops, um die lyrischen und tiefgründigen Texte ihres Frontmanns und Sängers Dan Black unter das Volk zu bringen. Selten ist man so gerne indoktriniert worden! Gegründet hat sich Englands "best gehütetes Geheimnis des Schäbigen-Schlafzimmer-Pops" (The Times) Ende der 90er Jahre in London. Neben Dan Black (Gesang und Gitarre) fanden sich Matt Fischer (Bass), Trevor Sharp (Schlagzeug) und bald auch Chris Burrows (Gitarre) zusammen. Den Bandnamen "The Servant" entnahmen sie einem gleichnamigen Film von 1963 (Regie: Joseph Losey), in dessen Handlungsverlauf der Diener (Dirk Bogarde) nach und nach die Gewalt über das Leben seines labilen Herrn (James Fox) übernimmt... Dans vielseitigen Texte handeln von Obsessionen ("Orchestra"), von Untreue ("I Can Walk In Your Mind") und dem Wunder der menschlichen Biologie ("Liquefy"). In "Beautiful Thing", einem dieser radiofreundlichen und auf den ersten Blick unverfänglichen Liedchen von The Servant, steht der Held "an der Kante des Hochhausdaches" und sinnt darüber nach, ob er Liebe vielleicht mit Körperchemie verwechselt hat ("Is it only seratonin? / Feel my blood thin"). Man ahnt böses. Auch vor gesellschaftskritischen Botschaften scheuen sich The Servant nicht. "Glowing Logo", das sechsminütige finale Highlight des Albums, ist eine regelrechte Anti-Konsumterror- Hymne. "Ich wollte Songs über Dinge schreiben, die außerhalb der heutigen Popkultur liegen", erklärt Dan. "Ein guter Songtext darf ruhig mehr Inhalt haben als nur ’I love you, baby’ in drei Varianten. Meine Musik sollte literarischer sein”. Damit stehen The Servant in der Songwriter-Tradition von so großen englischen Bands wie den Smiths, den Stone Roses und Pulp. Und auch die Einflüsse anderer Musikgrößen sind nicht zu leugnen. "Schon als Kind hörte ich mir die Beatles, die Stones und Bob Dylan an", erinnert sich Dan. "Als ich größer wurde, fuhr ich auf Prince und Jane's Addiction ab und als Teenager waren Bowie, Lou Reed und Velvet Underground meine Helden. Früh war mein einziger Wunsch, auch in einer Band zu spielen!". Ein Wunsch, der mit The Servant in Erfüllung gehen sollte. Nachdem er Matt und Trevor in den hintersten Ecken der Londoner Clubszene aufgetan hatte, machte sich Dan daran, einer untypisch englischen Popgruppe den exzentrischen Feinschliff zu geben. Die Dienstboten der englischen Underground-Musik-Szene haben eine fast vergessene Nachricht zu übermitteln: Musik hat einen kulturellen Auftrag. Eine Botschaft, die von immer mehr Fans offenbar dankbar aufgenommen wird. Schon mit ihren ersten Minialben "Mathematics" (2000) und "With The Invisible" (2002), bei dem erstmals Gitarrist Chris mitwirkte, konnten The Servant große Aufmerksamkeit erlangen. Mit "The Servant" kam nun der Durchbruch. Der Longplayer, an dessen Aufnahme in den Londoner Garden Studios kein geringerer als Steve Dub (Chemical Brothers) mitwirkte, eroberte mit Italien und Frankreich gleich zwei der größten europäischen Musikmärkte im Sturm. In Italien schossen die Singleauskopplungen "Orchestra" und "Liquefy" auf Anhieb in die Top 20 der Single-Charts, die Videos laufen auf MTV mit Heavy Rotation. Das Album verkaufte sich bisher mehr als 30.000 mal und hält sich seit 4 Monaten in den Albumcharts. Momentan wird mit "Cells" die dritte Single-Veröffentlichung vorbereitet, ein Titel, dessen Instrumentalversion im Trailer zum US-Blockbusters "Sin City" demnächst auch in Deutschlands Kinos aufhorchen lassen wird. Auch in Frankreich sind die musikalischen Dienste von The Servant äußerst gefragt: Basierend auf dem großartigen Erfolg der Single "Orchestra", die in Frankreich rund ein Jahr nach Radiobemusterung #2 der Airplaycharts erklomm und Top 20 chartete, verkaufte sich das Album "The Servant" dort bereits rund 70.000 mal. Die fast schon logische Folge war die Nominierung als "Best Breakthrough 2004" bei den NRJ Awards, wo sich The Servant in einer Reihe mit Acts wie Maroon 5, Joss Stone, Jamelia und Keane wiederfanden. Demnächst wird die zweite Single "Liquefy" veröffentlicht, anschließend werden The Servant auf landesweite Tour gehen, die ihren Höhepunkt im Pariser Olympia findet. Kein Zweifel: The Servant sind mit ihrer schizoiden Musik des 21. Jahrhunderts auf dem besten Wege, eine der nächsten ganz großen britische Pop-Bands zu werden. Vielleicht liegt das Geheimnis ihres Erfolges darin, dass sie es schaffen, mit ihren Songs das Lebensgefühl einer verunsicherten und zerrissenen Generation zu treffen. "'The Servant' erzählt von modernen Existenzsorgen, und diese Art von Angespanntheit wollte ich von Anfang an herüberbringen", sagt Dan zum Abschluss. "Ich verbinde zum Beispiel eine regelrechte Hassliebe zu London. Denn obwohl wir im Westen ja eigentlich in ziemlichen Luxus leben, verfallen wir hier dennoch allen möglichen Neurosen, gegen die wir uns kaum wehren können". Nun machen sich die Diener zweier Herren auf, die dritte europäischen Nation mit ihrem außergewöhnlichen Service zu beehren: Deutschland. Und es müsste schon mit dem "Devil" zugehen, wenn nicht auch unser Land vor den unerhörten Fähigkeiten der "Hofdichter der Unterschichten" (The Times) den Diener machen würde. Verdient hätten sie's!

