Shelby Lynnes 2003 in den USA veröffentlichtes, von der Kritik hochgelobtes Capitol-Debüt "Identity Crisis" markierte einen Wendepunkt in ihrer Karriere. Erstmals hatte die aus Alabama stammende Sängerin und Songschreiberin alle Songs im Alleingang geschrieben und in ihrem Haus im kalifornischen Palm Springs mit Hilfe analogen Equipments aufgenommen. Mit den fertigen Bändern fuhr sie anschließend nach Hollywood ins Cherokee Studio, wo einige versierte Musiker die übrigen akustischen Beigaben...
Shelby Lynnes 2003 in den USA veröffentlichtes, von der Kritik hochgelobtes Capitol-Debüt "Identity Crisis" markierte einen Wendepunkt in ihrer Karriere. Erstmals hatte die aus Alabama stammende Sängerin und Songschreiberin alle Songs im Alleingang geschrieben und in ihrem Haus im kalifornischen Palm Springs mit Hilfe analogen Equipments aufgenommen. Mit den fertigen Bändern fuhr sie anschließend nach Hollywood ins Cherokee Studio, wo einige versierte Musiker die übrigen akustischen Beigaben hinzufügten. Diese Arbeitsweise, bei der es viel um Spontanität, persönliche Handschrift und das Einfangen magischer, nicht wiederholbarer Momente geht, prägt jetzt noch stärker Shelby Lynnes neues Album "Suit Yourself", das mit einer überaus geschmackvollen Melange aus Country, Blues, Soul, Rock und Balladen besticht. Erneut entstanden Songs wie die berührende Johnny-Cash-Hommage "Johnny Met June", die klassische Singer/Songwriter-Seelenschau "Where Am I Now", das kurzweilige Wortspiel "You And We" und das bittersüße "Sleep" in ihrem Heimstudio. "Wenn es um alte, analoge Mischpulte und Aufnahmegeräte geht, bin ich wie ein Junkie. Ich bin regelrecht süchtig nach diesem Kram", erzählt die Künstlerin, die sich angewöhnt hat, alle neuen Songs sofort aufzunehmen. "Ich wollte die Stücke später noch mal einspielen, aber es ist mir nicht gelungen, sie zu verbessern." So wurden die vier Songs auf "Suit Yourself" einfach in ihrer ursprünglichen Fassung belassen. Dabei wollte sie diesmal ganz anders arbeiten: "Als ich den ersten Song komponierte, kam mir der Gedanke, das Album mit einer richtigen Band und nicht mit irgendwelchen Studiomusikern einzuspielen." Die ersten Musiker, die sie engagierte, Schlagzeuger Bryan Owings und Gitarrist Michael Ward (Ex-Wallflowers), zählten bereits früher zu ihrer Live-Band. Owings brachte sie auf Brian "Brain" Harrison, der sein Haus in Nashville als Studio zur Verfügung stellte und den Bass-Job sowie die Aufgaben des Tontechnikers übernahm. Benmont Tench, Keyboarder von Tom Petty and the Heartbreakers, und der Pedal-Steel-Spezialist Robby Turner komplettierten das Line-up. Außerdem stieß noch der legendäre texanische Mundharmonika-Virtuose und Gitarrist Tony Joe White als Gast zu einer Session hinzu. Aus seiner Feder stammen auch die einzigen Fremdkompositionen des Albums, die zarte Country-Ballade "Old Times Sake" und der oft gecoverte Klassiker "Rainy Night In Georgia", den Shelby Lynne und ihre Band zum Albumausklang traumhaft entspannt interpretieren. In diesen siebeneinhalb Minuten puren Südstaatenfeelings (auf dem Album schlicht "Track 12" genannt) zeigt die 36-jährige, dass sie auch als Gitarristin eine ganz Große ist. "Es hat Spaß gemacht so zu spielen, als wäre ich ein Bandmitglied. Ich glaube, das hört man dem komplett live aufgenommenen Album auch an." Live bedeutet im Falle von "Suit Yourself", dass hier nichts im Nachhinein beschönigt oder geglättet wurde. Selbst Nebengeräusche wie das Klirren von Eiswürfeln in einem Glas, das Betätigen einer Stopptaste am Recorder sowie Gespräche und Diskussionen vor, zwischen und sogar innerhalb der Songs sind zu hören. So wird man vor der lockeren Rock-Fingerübung "Go With It" Zeuge, wie Shelby Lynne die Band einstimmt. Und in der schwülen Memphis-Soul-Nummer "I Cry Everyday" seufzt die Sängerin unüberhörbar wegen eines falschen Tons. "I Cry Everyday" war auch der erste Song, den Lynne mit ihrer Band in der Nacht, als sie in Nashville eintraf, einspielte. "Wir gingen gegen Mitternacht zu Brians Haus", erzählt die Künstlerin. "Wir waren alle gut angeschickert und eigentlich reif fürs Bett. Aber stattdessen legten wir einfach los, obwohl keiner der Musiker das Stück vorher kannte. Während wir spielten, wusste ich plötzlich, wie das ganze Album klingen sollte." Wie locker und ungezwungen die Sessions in Brian Harrisons Haus abliefen, dokumentiert ein unterhaltsames Making-Of-Video, das man sich auf Shelby Lynnes Homepage, www.shelbylynne.com ansehen kann. Gleichwohl ist es nicht nur die Produktion, die "Suit Yourself" so außergewöhnlich macht. Auch Lynnes Kompositionen sind meisterlich. Ihre Songs beschönigen nichts, sind Nabelschau und Seelenstriptease, sensibles Liebeslied und kluge Selbstreflexion, mal melancholisch und nachdenklich, mal trotzig und kämpferisch und immer voller Wärme und Weisheit. Und ganz gleich, auf welchem Terrain sie sich bewegt, ob Country-Blues ("You're The Man"), glasklarer Akustikpop ("I Won't Die Alone"), erdiger Rock ("You Don't Have A Heart") oder klassische Ballade ("Iced Tea"), Shelby Lynne verleiht jedem Stil ihre ureigene Note. Als die Sängerin vor fünf Jahren für "I Am Shelby Lynne" den Grammy in der Rubrik "Newcomer Of The Year" erhielt, hatte sie bereits eine mehr als zehnjährige Karriere in Nashville hinter sich. Zwischen 1988 und 1995 veröffentlichte sie fünf Country-Alben, denen jedoch im Gegensatz zu den Platten ihrer jüngeren Schwester Allison Moorer der durchschlagende Erfolg verwehrt blieb. Im Rückblick begründet die 1968 in Quantico, Virginia geborene und in Mobile, Alabama aufgewachsene Künstlerin den mangelnden Erfolg damit, dass sie nie die Songs aufnehmen durfte, die ihr wirklich am Herzen lagen. Das änderte sich erst, als sie 1998 nach Mobile zurückging und "I Am Shelby Lynne" einspielte, ein wundervolles Memphis-Soul-Album, wie man es von einer weißen Sängerin seit Dusty Springfields "Dusty In Memphis" nicht mehr gehört hatte. Ihr nächstes Album "Love Shelby" (2001), auf dem sie sich als kraftvolle Rocksängerin und klassische Pop-Entertainerin präsentierte, wurde indes weniger gut aufgenommen. Doch mit "Identity Crisis", das ihr musikalisches Ausnahmetalent in packenden Root-Songs genau auf den Punkt brachte, konnte sie ihre alten Anhänger versöhnen und viele neue hinzugewinnen. Das wird Shelby Lynne mit Sicherheit auch mit ihrem neuen Album "Suit Yourself" gelingen, auf dem sie sich einmal mehr selbst übertroffen hat. Vor allem hierzulande ist die Zeit reif, dass die grandiose Sängerin und Songschreiberin endlich vom großen Publikum entdeckt wird und nicht mehr "nur" von den Kritikern in den höchsten Tönen gelobt wird.

