Bis 1995 tanzte Alan Wilder auf zwei Hochzeiten: hauptberuflich nahm er mit Depeche Mode so wegweisende wie erfolgreiche Platten auf und spielte in den Arenen so ziemlich aller Länder. In Auszeiten konzentrierte er sich auf sein 1986 zufällig ins Leben gestolperte Soloprojekt Recoil. Ende 1985 hörte Mute-Labelchef Daniel Miller die von Wilder aus Jux und Dollerei zusammengeschnippelten Klang- und Samplecollagen alter DM-Songs und bestand darauf, diese unter einem Pseudonym zu v...
Bis 1995 tanzte Alan Wilder auf zwei Hochzeiten: hauptberuflich nahm er mit Depeche Mode so wegweisende wie erfolgreiche Platten auf und spielte in den Arenen so ziemlich aller Länder. In Auszeiten konzentrierte er sich auf sein 1986 zufällig ins Leben gestolperte Soloprojekt Recoil. Ende 1985 hörte Mute-Labelchef Daniel Miller die von Wilder aus Jux und Dollerei zusammengeschnippelten Klang- und Samplecollagen alter DM-Songs und bestand darauf, diese unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Für schräge, von jeglichem Kommerz abseitige Töne war dieser Mann schliesslich seit jeher zu haben. Auch das zweite Album "Hydrology" klingt noch wie ein augenzwinkernder Hort des Austobens abstruser Samples."Bloodline" darf somit zurecht als Geburtsstunde des Bandprojekts angesehen werden. Depeche Mode-Songschreiber Martin Gore nahm nach dem weltweiten Ruhm der "Violator"-Scheibe 1991 eine längere Auszeit und Wilder hängte sich erstmals richtig rein. Der ausgebildete Pianist holte sich Gastsänger/-innen ins Studio, die seine atmosphärischen Synthiekompositionen gekonnt veredelten. Hervorzuheben sind das von Moby gerappte (!) "Curse", das an Kraftwerk erinnernde "The Defector" und die Alex Harvey-Coverversion "Faith Healer" mit Ex-Nitzer Ebb-Sänger Douglas McCarthy am Mikro. Doch schon die bei Promotionauftritten beiläufig von Wilder eingestreuten Bemerkungen, die Aufnahmen zu "Bloodline" seien ihm wie eine Befreiung vorgekommen, liessen erste Bedenken ob des freundschaftlichen Zusammenhalts seiner Hauptband aufkommen.1995 dann der Break: die zweijährige DM-Mammuttournee hinterliess vier ausgehöhlte und entfremdete Wracks, die am Ende nicht mal mehr der Kunst der gepflegten Konversation mächtig waren. Für Wilder ausserdem die Erkenntnis, dass für ihn die Zeit der demokratischen Arbeitsweise im Bandgefüge abgelaufen ist.Losgelöst von zeitlichem und kommerziellem Druck bastelte er an seinem Gastsänger-Konzept weiter und veröffentlichte mit "Unsound Methods" das düstere Seelenbekenntnis eines Klangfanatikers mit dem Hang zu aussergewöhnlichen Vocal-Performances.In die selbe Kerbe schlägt das mittlerweile fünfte Album "Liquid", eine Weiterführung des letzten Werks: Alan Wilder hat die musikalische Ausdrucksform seiner kompositorischen Ideen gefunden und sich vom Klangbild seiner Ex-Band um Lichtjahre entfernt. 2000 Liquid 1997 Unsound Methods 1992 Bloodline 1988 Hydrology 1986 1 2

