Prozac ist ein nicht unumstrittenes Antidepressiva, das zwar prächtig stimmungsaufhellend wirkt, aber schon nach kurzer Zeit süchtig macht. Diese Nebenwirkung nimmt das italienische Pop-Punk-Trio Prozac+ (sprich: Prozac Piu) gern in Kauf, zumindestens wenn es um ihre Songs geht. Die junge Band aus Mailand verdreht seit geraumer Zeit italienischen Musikfans den Kopf: und das mit einer mitreißend schrillen Mixtur aus griffigen Melodien, noch schneller gegriffenen Gitarren und eine Unmenge Ener...
Prozac ist ein nicht unumstrittenes Antidepressiva, das zwar prächtig stimmungsaufhellend wirkt, aber schon nach kurzer Zeit süchtig macht. Diese Nebenwirkung nimmt das italienische Pop-Punk-Trio Prozac+ (sprich: Prozac Piu) gern in Kauf, zumindestens wenn es um ihre Songs geht. Die junge Band aus Mailand verdreht seit geraumer Zeit italienischen Musikfans den Kopf: und das mit einer mitreißend schrillen Mixtur aus griffigen Melodien, noch schneller gegriffenen Gitarren und eine Unmenge Energie. Wenn Sängerin Eva, Gitarrist/Sänger Gian Maria und Bassistin Elisabetta wie ein Wirbelwind loslegen, lösen sich alle Depressionen in Luft auf. Dabei steht die aufreizend kunterbunt gekleidete Poptruppe, die stylistisch wie stilistisch ihre Wurzeln im Punk sucht, besonders bei italienischen Teenagern ganz hoch im Kurs. Die durchschlagende Wirkung zeigte sich bereits unmittelbar nach der Bandgründung 1995. Prozac+ hatten gerade mal drei Gigs absoviert, da waren sie schon stolze Besitzer eines Plattenvertrags. Als 1996 das Debütalbum "Testa Plastic" auf dem Independent-Label Vox Pop erschien, pfiffen bereits die Spatzen von den Dächern Roms, Mailands und Genuas, dass hier Italiens heißeste Newcomerhoffnung im Anmarsch war. Tatsächlich genossen Prozac+ durch ihre extensiven, frenetisch gefeierten Tourneen kreuz und quer über den Stiefel einen formidablen Ruf. Und während Italiens Rockpresse noch das Debüt in den Himmel lobte und nach passenden Superlativen suchte, um die fantastischen Live-Qualitäten der Band angemessen zu würdigen, unterschrieb das Trio einen Vertrag bei EMI Music Italia. Das im Januar 1998 veröffentlichte Album "AcidoAcida" erwies sich als konsequenter Nachfolger des Debüts und präsentierte eine in Songwriting und Spieltechnik gereifte Band, deren flinker, melodischer und absolut unprätentiöser Power-Pop die Herzen von Fans und Kritikern im Sturm eroberte. Die Früchte dieser Arbeit: 160.000 verkaufte Platten, dreimal Gold in Italien und ein 200 Gigs umfassender Konzertmarathon inklusive gemeinsamer Auftritte mit U2 auf der "Pop Mart Tour". Klar, dass sich eine Band wie Prozac+ nicht auf Dauer vor dem Rest der Welt verheimlichen lässt, zumal sie sich in einem musikalischen Genre bewegt, das keine Grenzen kennt. Mögliche Barrieren auf Grund der Sprache bestehen auch nicht mehr, seitdem sich das Trio entschlossen hat, sein neues Album "3" außerhalb Italiens mit englischen Texten zu veröffentlichen. So kommen nun auch wir in den Genuss von Prozac+, die mit ihren provokanten Texten jegliche Tabus ignorieren und die leichten Risse im sozialen Gefüge sichtbar machen: Intuitiv schlagen sie sich auf die Seite der Underdogs. Das bewusste Anecken war schon immer ein Wesensmerkmal des Punk. Und so zürnen denn auch Prozac+ auf ihrem ersten internationalen Longplayer, der zugleich eine kleine Werkschau ist, Hals über Kopf durchs Geschehen. Mentaler Pogo sozusagen. Vom ungestümen Albumopener und Publikumsfavoriten "Acida" über delikate Gitarrenpop-Hymne wie "X" bis zum ruppigen Cure-Cover "Boys Don`t Cry" surfen Prozac+ scheinbar schwindelfrei auf dem schmalen Grat zwischen Punk und Pop, Alternative und Wave. Atemberaubend! Dazu singt Frontfrau Eva mal hoffnungsvoll und naiv wie ein unschuldiger Engel, mal sexy und verführerisch wie ein Vamp. Unmöglich, sich solchen Reizen zu entziehen. Garantiert sind Prozac+ keine Erneuerer der Popmusik, eher spielen sie nach klassisch anglo-amerikanischer Machart as pure as possible. Ihre Wirkung verfehlen diese euphorisierenden Dreiminüter dennoch nicht: Mit solchen Songs kehren Teenager für ein paar Momente ihres Lebens ins Paradies zurück. Nicht nur in Bella Italia!

