Wie Dracula, der aus seinem Sarg entsteigt, meldet sich der legendäre Rock'n'Roll-Einsiedler Paul Westerberg vehement aus dem Winterschlaf im Hinterland zurück - mit gleich zwei brandneuen Alben auf Vagrant Records. Beide Alben sind von Paul zu Hause in Minnesota aufgenommen - in bester Prince("Ich spiele alles selbst")-Tradition. "Stereo", so der Titel des einen Albums, präsentiert genau diese offenherzigen Balladen und spätabendlichen Gedanken, die Westerberg zu einem der einflussreichsten...
Wie Dracula, der aus seinem Sarg entsteigt, meldet sich der legendäre Rock'n'Roll-Einsiedler Paul Westerberg vehement aus dem Winterschlaf im Hinterland zurück - mit gleich zwei brandneuen Alben auf Vagrant Records. Beide Alben sind von Paul zu Hause in Minnesota aufgenommen - in bester Prince("Ich spiele alles selbst")-Tradition. "Stereo", so der Titel des einen Albums, präsentiert genau diese offenherzigen Balladen und spätabendlichen Gedanken, die Westerberg zu einem der einflussreichsten Songwriter der Gegenwart werden ließen. Und auf "Mono" zeigt Grandpa Boy (so sein Rock-Name) diese besondere Art von Rock'n'Roll, die seiner ex-Band The Replacements so viel Fans auf der ganzen Welt brachte. Während sein jüngster Sohn ein Nickerchen hält, erklärt Westerberg in seinem Studio, warum er zwei CDs gleichzeitig veröffentlicht... "Ich hing seit drei Jahren zu Hause rum", sagt er. "Mit der Zeit schrieb ich immer mehr Songs, die recht unterschiedlich waren. Da kam mir dann die Idee, sie zu trennen. Etwas zu tun, was ich noch nie getan hatte - zurück in der Zeit, in die Zeit der LPs, als es noch eine Rock'n'Roll Seite gab und eine andere. Ich wollte die Möglichkeit schaffen, dass der Hörer je nach Stimmung die eine oder die andere CD einlegen könne. Irgendwie war es wirklich der Luxus so viele - wie ich denke - gute Songs zu haben. Alle sind hier im Keller-Studio aufgenommen, die meisten sozusagen 'live' in einem Durchgang. Ich bin ein echter Fan dieser Art von Aufnahmen - nach dem Motto: Wenn du es so meinst, mach es einmal und dann richtig!" Befragt über seine Abstinenz in der Öffentlichkeit, seit er vor dreieinhalb Jahren Vater wurde, erklärt Westerberg, dass er diese Tatsache nicht wirklich als negativ einschätzt: "Ich habe mitbekommen, wie Mick Jagger sein neues Album Mitte Oktober versucht hat zu promoten. Ich sah ihn fünf oder sechs Mal im Fernsehen - zur besten Sendezeit. Er tat alles nach den bekannten Regeln, die klassische Promotion-Geschichte. Wie viele Alben hat er verkauft? Ungefähr fünfzehn Exemplare? Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass man es unbedingt auf diese Art machen muss. Ich glaube, so wie ich es mache funktioniert es genauso gut - das Interesse an dem, was ich mache, ist gleich groß, ob ich nun nichts tue oder den Leuten alles in den Hals stopfe." Aber natürlich weiß Westerberg die Tatsache sehr zu schätzen, dass - trotz seiner Abwesenheit in der Öffentlichkeit und keinerlei Interviews - dies dem Verhältnis mit seinen Fans keinen Abbruch getan hat. "Leute haben mich angerufen und gesagt, sie hätten mich dort oder dort auftreten gesehen und ich hätte einen bestimmten Anzug getragen usw.", sagt Paul. "Völliger Quatsch. Ich Habe das Haus seit dem letzten Jahrhundert nicht mehr verlassen... Es war nicht so, dass es mich nicht auch ein wenig gejuckt hat, wieder auf Tour zu gehen, aber ich bin zu Haus geblieben, um mich mit einem etwas geheimnisvollen Flair zu umgeben. Was ich sagen will - ich hatte es einfach satt. Ich habe schon immer betont, dass ich aufhören würde, wenn es mir keinen Spaß mehr machen würde. Und eines Tages - bang zoom - hat es keinen Spaß mehr gemacht. Also hörte ich auf." Aber Paul ist auch schnell dabei, sein "Mysterium" wieder gerade zu rücken: "Schließlich und endlich hatte ich jetzt doch den Mut gefunden, mir ein altes Video der Mats anzuschauen - das 15 Jahre alt ist und das ich mir noch nie angeguckt hatte", sagt er. "Zuerst musste ich zugeben: 'Mein Gott, sah ich damals gut aus.' Der zweite Gedanke war: 'Zu dem Zeitpunkt, an dem ich dachte, wir wären richtig toll, waren wir eigentlich nervig.' Und so wurde wirklich an einer Illusion gerüttelt." Auch wenn dies tatsächlich der Fall war (und alle Replacements-Fans wissen, dass die Band einen Abend einfach schlicht großartig sein konnte, am nächsten Abend fürchterlich), gibt es jedoch keinen Zweifel daran, dass die beiden Tourneen, die Westerberg nach dem Ende der Replacements gemacht hat, hervorragend waren, und die Leute, die sie gesehen haben, nach wie vor davon begeistert sind. "Nun, ich glaube, ich habe meine Schuld bezahlt", sagt Westerberg. "Ich hatte meinen Spaß mit den Replacements, und danach musste ich eben raus und sozusagen den Leuten etwas geben, die vielleicht eine dieser legendären Mats-Shows gesehen hatten, aber keinen aktuellen Songs gehört hatten. Also machte ich zwei Touren und spielte die besten Songs, die ich bis dahin geschrieben hatte, so gut ich eben konnte." Um es vielleicht bildlich zu beschreiben: Paul Westerberg ist eine Art Clint Eastwood in "The Unforgiven" - der notorische Gunfighter, der seinen Lebenswandel geändert und sich zur Ruhe gesetzt hatte um eine Familie zu gründen. Voller Angst davor, wieder in sein altes Leben zurückzufallen, sich wieder eine Pistole umzuschnallen, in einen Saloon zu gehen und einen Whiskey zu trinken - sofort würde er wieder in einem Strudel von Sünde und Korruption enden. "Da steckt viel Wahrheit drin", sagt er. "Ich habe mir letzte Nacht gerade den Text von Hank Williams' 'Lost Highway' rausgeschrieben. Das ganze Leben der Sünde scheint mir Millionen Jahre her - aber es lauert an jeder Ecke. Es ist ein Monster, ein mörderisches Ungeheuer, das da draußen auf mich wartet. Allein das Wort 'Tour' flößt mir schon Angst ein. Werde ich wieder auftreten? Aber der Ruf ist einfach zu stark. Wenn das Rock'n'Roll-Material nicht wäre, würde ich wohl nicht live auftreten. Nur ich und eine akustische Gitarre - da war ich noch nie wirklich ein Fan von." In der zweiten Hälfte des Jahres 2001 entstanden Gerüchte, dass sich die Replacements wieder zusammentun würden. Westerberg gibt zu, dass da tatsächlich was dran war - er und sein Mats-Partner Tommy Stinson (der jetzt bei Guns N' Roses spielt) waren kurz davor, im frostigen "Midwest" eine Tour zu starten und die Dates zu komplettieren, die Buddy Holly nicht mehr geschafft hatte, nachdem er am 3. Februar 1959 tödlich mit dem Flugzeug verunglückt war. "Ich hatte diese verrückte Idee", gibt Westerberg zu. "Wir wollten die Grandpa Boy-Scheibe am 3. Februar veröffentlichen und die 12 Shows nachempfinden, die die Crickets machen mussten, die nach dem Tod von Ritchie Valens und Buddy Holly übriggeblieben waren. Die Promoter ließen die Show nämlich nicht platzen - sie zwangen sie fast dazu, weiter zu spielen. Ich habe das vorgeschlagen, als unser Road-Manager bei uns in der Tür stand. Und schon nach einer halben Stunde geschäftiger Telefonate war die Sache eigentlich klar. Tommy sagte mir am Telefon, er würde mitmachen. Grandpa Boy sollte sich aus dem Grab erheben um Buddy Hollys Tod zu rächen - losgehen sollte es in Moorehead, Minnesota, am 3. Februar. Dann hat mich Tommy drei Tage später angerufen und mir gesagt, dass es doch nicht klappen würde. Ich denke, Herr W. Axl Rose brauchte ihn wohl an der Westküste. Also habe ich die ganze Sache gekippt." Westerbergs Bereitschaft, sich wieder mit Stinson zusammen zu tun, um die letzten Dates der 'Big Bopper' zu spielen, zeigt eine Menge seines anarchischen Geistes, der auch die Triebfeder seiner besten Songs ist - von den Mats bis in die aktuelle Gegenwart. "Der Teil von mir, der diese Grandpa Boy / Buddy Holly-Sache erdacht hatte, war der gleiche, der auch Gründungsgrund für die Replacements war", sagt er. "Genau der gleiche Geist, der mich angetrieben hatte, als ich die Jungs damals kennenlernte. Nicht so sehr der eines Künstlers als eher der eines "Ärgermachers" mit wilden Ideen. Glücklicherweise hatte ich dann auch noch Mitstreiter, die mich angestachelt haben. In dieser Rolle war gerade Tommy sehr wichtig. Er klinkte sich voll ein und spornte mich stets an. Darum klappte auch die Geschichte mit ihm beinah. In dem Moment, wo er raus war, war auch der ganze Spaß dahin." Was auch der Schlüssel zu Westerbergs ganzer Einstellung ist: "Lasst uns Spaß haben, lasst uns Sachen anders machen, lasst uns die Regeln brechen. Das ist es, was ich mit Grandpa Boy mache. Keine Grenzen setzen, alle verwirren. Vielleicht werden die Verkaufszahlen mir wehtun... Oder was auch immer. Aber es ist ein echter Nervenkitzel." Westerberg bestätigt, dass seine neuen CDs auf dem Indie-Label Vagrant herauskommen, weil er die Nase von den Majors voll hatte. Mitte der '90er musste er schwer kämpfen, um aus dem langjährigen Vertrag mit Warner herauszukommen - um ein Angebot für einen Neustart bei Capitol Records unter dem neuen Präsidenten Gary Gersh anzunehmen. An dem Tag, als er die Arbeiten an seinem Capitol-Debüt beendete, hörte er dann, dass Gersh das Label wieder verlassen hatte. "Das hat mir eine ganze Menge genommen", erinnert sich Westerberg. "Es ist nicht so, dass ich mich bei Warner schlecht behandelt fühlte. Ich war nur irgendwie ausgebrannt und dachte, ein Neustart würde mir gut tun. Und dann war es so, dass an dem Tag, an dem mein neues Album gemastert wurde, mich Gary Gersh anrief und mir sagte, dass er das Label verlassen würde. Als das Album fertig war, war er weg. Gary hatte mich ermutigt, ein Album zu machen, dass nicht so kommerziell war. Dann meinten plötzlich die neuen Leute dort: 'Hey, da ist ja gar keine Single drauf!' Aber das war doch eigentlich Sinn der Übung, oder? Ich habe die Nase gestrichen davon voll, Leuten meine Songs vorzuspielen, damit die dann sagen, ob sie gut oder schlecht sind. Es war die Zeit gekommen, dass ich nur noch das machen wollte, was mir vorschwebte. Wenn ich es fertig hatte, war es eben fertig - und ich war nicht bereit, im Nachhinein noch eine einzige Note zu ändern." Obwohl er sich aus dem Spotlight der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, gab es trotzdem viele musikalische Acts, die von Westerberg beeinflusst wurden - von Soul Asylum und den Goo Goo Dolls über Wilco bis hin zu Ryan Adams. Das britische Magazin "Select" betitelte gerade kürzlich "All Shook Down" der Replacements als bahnbrechenden Einfluss für das Alternative-Country-Genre. Worauf Westerberg natürlich reagierte - denn er hielt noch nie etwas von diesen beliebten Stilschubladen und wollte auch nie in einer landen... "Das hat mich wieder in mein Keller-Studio getrieben", sagt Westerberg. "Ich habe das Radio angestellt und etwas gehört, das mich entfernt an meine Musik erinnerte. Und da dachte ich für mich: 'So geht das nicht, du Blödmann! So sollte es sich anhören!' Ich habe so oft Dinge gehört, die meinem Material sehr ähnlich waren. Bevor ich angefangen habe, Musik zu machen, klang niemand so wie ich. Jetzt hör ich dauern Sachen, die so ähnlich klingen wie mein Zeugs. Ja spinn ich denn? Mein Ego weigert sich, das zu akzeptieren. Und wenn ich die Leute dann noch sehe, ihr Haarschnitt, wie sie sich bewegen - dann würde ich ihnen am liebsten die Zähne in den Hals stopfen. Das meine ich wirklich so! Doch dieser Teil von mir ist eben der, der vor 20 Jahren diese kleine Garagen-Band zusammengestellt hat." Westerberg ist wieder heiß - "The Unforgiven" hat wieder Gewehrrauch in der Nase. "Daddy Paul" trat in den Hintergrund, Grandpa Boy trat hervor. "Beinah hätte ich meine Zähne machen lassen", sagt Paul plötzlich. "Ich habe mir immer selbst gesagt, dass - wenn ich keine Lust mehr auf Rock'n'Roll habe, wenn ich meine Rock'n'Roll-Schuhe an den Nagel gehängt habe - ich meine Zähne machen lassen würde, damit ich endlich wie ein normaler Mensch aussehe. Ich war schon fast so weit, es machen zu lassen. Aber irgendetwas hat mich zurückgehalten. Ich brauche meine Rock'n'Roll-Zähne noch... " Was sehr schön beschreibt, wo Paul Westerberg im Jahr 2002 angekommen ist: Clint Eastwood hat seinen Sechsschüsser wieder umgeschnallt. Doctor Jeckyll kocht einen neuen Cocktail in seinem Keller-Laboratorium. "Ich weiß genau, was ich tue. Ich werde zurückgehen und das tun, womit ich damals begonnen habe. Vielleicht mit etwas weniger Energie, dafür aber mit Unmengen mehr Wissen." "Ich bin stolz auf die neuen Alben. Und kommt jetzt nicht auf die Idee zu erzählen, dass es etwas frisches, neues wäre. Das ist es nämlich nicht. Es ist nichts abgestandenes, es sind keine ollen Kamellen, aber es wird sicher auch nicht 'pick of the week'. Wenn man im Vergleich mein allererstes Album hört, kann man eine Menge Ähnlichkeiten entdecken. Ich bin eben was ich bin. Gottverdammt!", lächelt Paul Westerberg mit seinen krummen Rock'n'Roll-Zähnen...

