Reggae und Dancehall auf allen Kanälen, Sound Systems übernehmen die Clubs, jamaikanische Musik rettet eine Branche in der Krise. Sean Paul, Wayne Wonder, Elephant Man, T.O.K., Beenie Man, Baby Cham, Spragga Benz, Mr. Vegas - so viele Offbeat-Künstler haben noch nie die US-Billboardcharts bevölkert wie dieser Tage. Seeed und Gentleman haben auch hier längst die Türen weit geöffnet. Reggae hat endlich seinen Status als Soundtrack für den Sommer überwunden. Es ist also keine Frage der Jahresze...
Reggae und Dancehall auf allen Kanälen, Sound Systems übernehmen die Clubs, jamaikanische Musik rettet eine Branche in der Krise. Sean Paul, Wayne Wonder, Elephant Man, T.O.K., Beenie Man, Baby Cham, Spragga Benz, Mr. Vegas - so viele Offbeat-Künstler haben noch nie die US-Billboardcharts bevölkert wie dieser Tage. Seeed und Gentleman haben auch hier längst die Türen weit geöffnet. Reggae hat endlich seinen Status als Soundtrack für den Sommer überwunden. Es ist also keine Frage der Jahreszeit, aber genauso wenig eine des Hypes, dass dieser Tage einer der vielversprechendsten deutschen Artists zum ganz großen Wurf ansetzt. Schon seit einigen Jahren setzt die Szene ihre ganze Hoffnung auf Nosliw (sprich: Nossliff). Nicht umsonst hat ihn die Leserschaft des Riddim Magazins schon zum zweiten Mal zum Newcomer des Jahres gewählt - und wenn sie sich 2003 auf eine Rubrik hätte einigen können, hätte er auch so große Namen wie Gentleman oder Seeed als nationaler Reggaekünstler des Jahres auf die Plätze verwiesen. Wie kein anderer versteht es Nosliw immer wieder aufs Neue, tiefgründige Wahrheiten aus dem Ärmel zu schütteln - über den weitverbreiteten apokalyptischen Hedonismus seiner Umwelt und die Skrupel- und Rücksichtslosigkeit derer, die das Sagen haben. "Wie oft zählt Quantität mehr als Bestand / Wie viel hamm wir, wie viel die Wirtschaft in der Hand und / wie viel Konzernfusion'n vernichten Arbeitslohn / Wie viel zählt die Familie wie viel Börsenwertpapiere / Wie lang schon produzier'n wir Gifte / Wie lang schon wird gar nichts erreicht auf Umweltgipfeln / Wie viele Konvention'n zu Gunsten von Uncle Sam / Wie viel Verantwortung bleibt bei den Mittellosen häng'n / Wie weit können Menschen Dinge vereinnahm'n die diese Welt in Jahrmillion'n allein erreicht hat / Wie weit schau’n wir voraus für ihre Zukunft oder geht's uns nur um uns allein" (Wie Weit) "Ihr steht nur dabei und fühlt euch völlig unbeteiligt / Ihr steht nur dabei, weil ihr die Wahrheit lieber meidet / Ihr steht nur dabei, plädiert auf Taubheit und auf Blindheit / Ihr steht nur dabei, obwohl ihr schon längst mittendrin seid" (Nur Dabei) Aber Nosliw ist kein Spaßverderber. Doch wenn es schon ums Feiern geht, dann bitte jenseits des weitverbreiteten Szene-Flows nach dem Motto "reim dich oder ich fress dich"! Nosliws Wortschatz reicht aus, um die HörerInnen auch mit profaneren Themen in Erstaunen zu versetzen. Er hat sich seine Meinungen nicht bei Axel Springer gebildet. Und wahre Liebe kennt er nicht nur aus Märchen und von Vox. "Du warst schon lange da und wirst immer sein, so lange die Luft deinen Schall trägt / Du bist das Bindeglied, das alle Welt vereint, was uns den Schutz und den Halt gibt / Ich glaub, ich seh' dich schon als meine Religion an, aus der ich Kraft zieh' yeah / Du baust mich auf und du bringst mich durch, ohne dass ich dir zur Last lieg' yeah" (Musik) Jetzt geht Nosliw über die volle Länge und steht Mittendrin statt Nur dabei! Er mischt sich ein, interveniert, klagt an und verurteilt, was ihm nicht passt, preist, was er liebt. Noch nie hat es ein deutscher Reggae-/Dancehall-Artist so gut verstanden, Consciousness in unsere Sprache und kulturellen Kontext zu übersetzen. Auf Mittendrin wird weder Jah gepriesen noch werden andere Jamaika-typischen Themen 1:1 übernommen. Hier wird vor der eigenen Tür gekehrt, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Nosliw spricht an, was ihn berührt und betrifft. Neben politischen Themen sind das z.B. auch der Verlust einer Liebsten (Tag für Tag), das Glück das Licht der Welt in einer Frau gefunden zu haben (Königin feat. Max Herre), die Lust am Feiern (Yes, Alarm), die eigene Geschichte (Begegnungen feat. Nattyflo) oder das Wissen um die eigenen Privilegien und dass Jammern hierzulande immer noch auf hohem Niveau stattfindet (Gar nicht so mies): "Ich weiß ja, ich beschwer mich nur. Aber mir geht's gar nicht so mies wie ich mir denk. Es gibt Millionen, denen geht es noch viel schlimmer. Drum bin ich dankbar für das riesige Geschenk jammern zu können." Auch musikalisch kommt auf Mittendrin nichts von der Stange. Anders als auf vielen Reggae-Produktionen greift Nosliw fast ausschließlich auf exklusive Riddims zurück, die die gesamte Bandbreite des Genres von Bashment über Studio-One-Reminiszenzen bis Modern Roots ausleuchten. Ausflüge in benachbarte Regionen wie HipHop, Soul und Blues runden das Debüt des Reggae-Singer/Songwriter ab. Dass Nosliw auch das Zeug gehabt hätte, den schnellen Weg zum vermeidlichen Erfolg à la Star Search zu gehen, zeigt er Gott sei Dank nur im Traum Skit: "Haba Haba Sexy, Haba Haba Crazy, Lady Lady Limbo..." Was leicht der nächste Sommerhit für Ballermann-Reisende hätte werden können, ist aber nur als Witz gemeint. Denn Nosliw geht es darum eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, seine HörerInnen nicht für dumm zu verkaufen und die Airwaves mit Inhalten von Belang zu füllen. Der Erfolg gibt ihm recht! Denn sein bislang größter Hit Nur dabei fügt sich nicht nur bei Dances nahtlos neben Größen wie Tanya Stephens, Sizzla und Luciano in die Sets ein, Nosliw hat damit auch seinen neuen Labelmates Seeed gehörig Konkurrenz gemacht, deren Water Pumpee feat. Anthony B auf dem gleichen Doctor's Darling-Riddim reitet. Angefangen hat Nosliw Anfang der 90er als Rapper bei D.U.G. (Die unendlichen Gedichte), wo er sich das Handwerkszeug in Sachen Reimen und Performen aneignete und über den Bonn/Rhein-Sieg-Kreis hinaus erste Lorbeeren erntete. Als er 1999 mit einem der ersten deutschsprachigen Dancehall-Deejays, Nattyflo, die Single Babylon einspielte, erinnerte er sich an den Soundtrack seiner Kindheit und entdeckte die Melodie als geeigneteres Mittel, seine Inhalte an die Massive zu bringen. Nattyflo war es auch, der ihn mit ins Kölner Rootdown-Camp schleppte, wo er als Singjay fortan einen Riddim nach dem anderen voicte und 2002 die vielfach bejubelte EP In vollen Zügen veröffentlichte. Aber nicht nur das hauseigene Label, musikalisch angeführt von Produzent Teka, ist scharf auf die satte Stimme des gelernten Logopäden. Kaum ein Riddim verlässt die einschlägigen Riddim-Schmieden der Republik, ohne dass Nosliw ihn veredelt hat: Pow Pow, Germaica, Seeed, Silly Walks, Beatschmieda, Ganjaman... Egal ob mit Sound Systems im Club oder mit Live Band auf den Bühnen der großen Festivals, Nosliw hat noch jede Massive gerockt. Kein Wunder also, dass das Juice Magazin Nosliws Debütalbum, das im Spätsommer bei Eastwest erscheinen wird, als "eines der meisterwarteten" bezeichnet.

