Die internationale Soul-Szene wird beherrscht von den Amerikanern, von den großen Legenden Smokey Robinson, Marvin Gaye, Al Green und Curtis Mayfield, respektive den neuen Stars wie Maxwell und D'Angelo. Aber wer genauer hinschaut, entdeckt in England einen jungen Mann, der sich ebenfalls dem klassischen Soul verschrieben hat und der dem Diktat aus Übersee erfolgreich Paroli bietet. Seit seinem Debütalbum "Medicine 4 My Pain" gilt Lynden David Hall als führender männlicher Vertreter des briti...
Die internationale Soul-Szene wird beherrscht von den Amerikanern, von den großen Legenden Smokey Robinson, Marvin Gaye, Al Green und Curtis Mayfield, respektive den neuen Stars wie Maxwell und D'Angelo. Aber wer genauer hinschaut, entdeckt in England einen jungen Mann, der sich ebenfalls dem klassischen Soul verschrieben hat und der dem Diktat aus Übersee erfolgreich Paroli bietet. Seit seinem Debütalbum "Medicine 4 My Pain" gilt Lynden David Hall als führender männlicher Vertreter des britischen Soul. Und nicht nur die Stimme des 25jährigen Londoners, die elegant und verführerisch, sexy und samtweich, kurzum perfekt ist, lässt ahnen, wozu dieser Mann fähig ist. Mehr noch, seine Persönlichkeit und seine Performance erinnern an die großen Tage von Tamla Motown, als das legendäre Soul-Label jede Platte seiner namhaften Künstler mit dem Slogan bewarb: "It's in the grooves!" Kein Wunder, dass Lynden David Halls Debüt in Großbritannien vergoldet wurde, die Single "Sexy Cinderella" die Top 20 stürmte und der Sänger zahlreiche renommierte Awards gewinnen konnte: Bereits 1998 wurde er vom Blues & Soul Magazine zum besten britischen Künstler und besten Newcomer gekürt. Im gleichen Jahr erhielt er den prestigeträchtigen MOBO-Award als bester Newcomer und 1999 wurde er als bester britischer Künstler für den Brit Award nominiert. Insgesamt ein mehr als überzeugender Karrierestart für einen so jungen Künstler, der zudem alle Songs seines Debüts selbst komponiert und über weite Strecken auch selbst produziert hatte. Als er mit den Vorbereitungen für sein zweites Album "The Other Side" begann, widerstand Lynden David Hall der Versuchung, einen amerikanischen Top-R&B-Produzenten zu engagieren. Stattdessen machte er wieder fast alles selbst. Er spielte Gitarre, Keyboards und Schlagzeug, schrieb die Songs, arrangierte und produzierte. Nur bei zwei Songs steuerte Me'Shell Ndegeocello subtile Bassläufe bei. Das Ergebnis ist ein wundervoll entspanntes Album mit stilistisch abwechslungsreichen Songs zwischen höchst eingängigem Funk ("Sleeping With Victor"), zarten Gospel-Anklängen ("Where Is God?"), geschmeidigem Soul ("Forgive Me") und bluesgefärbten Balladen ("To Be A Man"). Noch deutlicher als beim Vorgänger entfaltet Hall hier alle Facetten seines Könnens und erweist sich als enorm wandlungsfähiger Sänger und erfindungsreicher Komponist. "Das neue Album offenbart einen derart großen Teil von mir, dass der Produktionsprozess fast wie eine Geburt war", bekennt Lynden. "Ich wollte in keinem Fall lediglich die bloße Fortsetzung von 'Medicine 4 The Pain' produzieren, sondern allen zeigen, dass ich als Künstler gewachsen bin. Natürlich fühle ich mich den Menschen verpflichtet, die 'Medicine' gekauft haben, aber auch sie sollen spüren, dass ich mich auf einer Reise befinde und nicht an einem Ort verharre." Ausgiebig durch die Weltgeschichte gereist ist Lynden David Hall vor allem, seit er vor vier Jahren vom Radio One DJ Trevor Nelson für Cooltempo unter Vertrag genommen wurde. Er hat in New York aufgenommen, stand an der Seite von Paul McCartney in der Londoner Royal Albert Hall, teilte die Bühne mit M-People und Simply Red und tourte als Headliner von Johannesburg bis Durban. Diese Erfahrungen sind auch auf "The Other Side" zu spüren. So entstand etwa "If I Had To Choose" in einem Hotelzimmer in Südafrika. Andere Songs komponierte Hall während der langen Flüge von Kontinent zu Kontinent. Dass er mal so weit kommen würde, hat sich der Sänger wohl kaum träumen lassen, als er mit 15 Jahren während des Musikunterrichts am College in Südlondon erstmals zur Gitarre griff und entdeckte, dass er endlich etwas gefunden hatte, worin er voll und ganz aufging. Schon damals wusste er genau, welche Musik ihn am meisten begeisterte, denn in der Plattensammlung seiner Eltern war er bereits viel früher fündig geworden. Zwischen Motown-, Calypso- und Reggaeplatten stieß er auf Soul-Klassiker der 70er Jahre. "Ich wurde süchtig nach Platten wie 'Skin Tight' von den Ohio Players und 'Fresh' von Sly & The Family Stone", erinnert sich der charmante Vokalist, dem übliche Starallüren abgehen. "Als ich 15 war ging ich regelmäßig in den Plattenladen um die Ecke und kaufte mir nach und nach alle Alben von Soul-Künstlern aus den Jahren 1970 bis 1975." Obwohl Lynden als Jugendlicher zeitweise mit Breakdancern und Graffiti-Cliquen durch die Gegend zog und er den Einfluss von HipHop keineswegs von der Hand weist, stand diese Musikform bei der Gründung seiner ersten Band nicht zur Debatte. Groove und Gitarren waren immer wichtiger als Beats und Samples. Nachdem verschiedene Bandprojekte, darunter auch eine an Miles Davis und John Coltrane orientierte Jazzformation, im Sande verlaufen waren, versuchte es das Jungtalent im Alleingang. Mit Erfolg. Drei Monate vor seinem selbstgesetzten Limit, dass er mit 21 einen Plattenvertrag in der Tasche haben müsse, sonst würde er aufhören, unterschrieb er bei Cooltempo. Mit seinem Debütalbum "Medicine 4 The Pain", das zur "wichtigsten Entdeckung im britischen Soul seit Jahren" (Music Week) deklariert wurde, stieg Lynden David Hall in kürzester Zeit zum neuen "König des UK Soul" (Touch) auf. Dass er seinen Platz auf dem Thron noch lange nicht räumen wird, unterstreicht "The Other Side" nachdrücklich. Mit diesem verführerischen Stück Musik, dessen soulful-smoother Sound angenehme Erinnerungen an eben jene Klassiker von Sly Stone und Al Green weckt, die Lynden David Hall einst dazu brachten, Gitarre spielen zu lernen, hat er einen Trumpf in der Hand, der selbst US-Soul-Größen im eigenen Land Respekt einflößen wird und ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Wie pflegte Motown-Gründer Berry Gordy Jr. so schön zu sagen: "It's in the grooves."
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