“Songs, die dich einfach so aus den Socken hauen, sind meistens schlicht langweilig.” Da ist Leo Sayer sich ganz sicher. Der Brite muss sich nur einmal kurz erinnern, “... so lange ist das alles noch gar nicht her. Und ich weiß es noch wie heute: Wir glaubten damals, so etwas wie einen speziellen Trick gefunden zu haben, der uns helfen würde, den Erfolg für alle Ewigkeit zu sichern.” Mit Hits wie „When I Need You“, “The Show Must Go On”, “Moonlightning” oder “You Make Me Feel Like Dancing” t...
“Songs, die dich einfach so aus den Socken hauen, sind meistens schlicht langweilig.” Da ist Leo Sayer sich ganz sicher. Der Brite muss sich nur einmal kurz erinnern, “... so lange ist das alles noch gar nicht her. Und ich weiß es noch wie heute: Wir glaubten damals, so etwas wie einen speziellen Trick gefunden zu haben, der uns helfen würde, den Erfolg für alle Ewigkeit zu sichern.” Mit Hits wie „When I Need You“, “The Show Must Go On”, “Moonlightning” oder “You Make Me Feel Like Dancing” trieb sich der Sänger Mitte der Siebziger pausenlos an der Spitze der internationalen Charts herum. Ein Platz, an den er sich “... hätte gewöhnen können.” Als seine Songs dann aber etwas älter wurden, “... da fand ich sie ein bisschen fad und langweilig. Und wollte andere schreiben.” Hat er auch, bloß aufnehmen ließ ihn keiner das neue Material. Die Zeit hat zwar nicht alle Wunden geheilt, aber den Mann doch mit seiner Vergangenheit weitgehend versöhnt. Und dazu trägt ein wundersames Album bei, das Leo Sayer “... im Grunde vor Jahrzehnten begonnen” hat, das aber erst jetzt fertig wurde und das sich deshalb anhört wie eine Zeitreise durch die Musik-Dekaden, ohne dabei je nostalgisch zu klingen. Als eine große Rückschau möchte Leo Sayer “Voice In My Head” allerdings sowieso nicht sehen, “... es handelt sich hier um solche Songs, die ich all die Jahre eben nicht aufnehmen konnte, weil ich mich auf Kompromisse einließ. Damals hieß das Ziel: Übertriff deinen letzten Hit! Und jetzt heißt es: Gefalle dir selbst.” Einen gewissen Wiedererkennungswert sähe er natürlich auch, “... es sind schließlich einige meiner alten Partner dabei – und ich singe.” Und wie. Ob zu veritablen Bluesnummern oder zart schmelzenden Balladen, ob zu fast schon prototypischen Rocksongs, zu heissem Südstaaten-Funk oder auch mal vor eingestrichener Kulisse - Leo Sayers Stimme prangt wie ein nobles Markenzeichen auf jeder Strophe. “Dabei hat sich meine Art, im Studio zu arbeiten, wirklich von Grund auf geändert.” Leo Sayer holt kurz Luft, er hat lange Geschichten zu erzählen. “Früher standen die Musiker alle um mich herum am Piano, hörten sich meine Songideen an und versuchten dann, sie umzusetzen. Heute trage ich meine Lieder lange dort mit mir herum, wo sie auch entstehen: im Kopf. Dann setze ich sie am PC um und bleibe noch eine lange Zeit mit ihnen allein, bevor ich den Musikern gestatte, ihren Senf dazu zu geben.” Hört sich autoritärer an als es ist, denn Sayers Musiker verändern seine Songs mitunter “... ganz nachhaltig, sonst könnte ich ja gleich alles alleine machen. Ich bin lediglich der Kapitän, der sich gute Leute bei der Stange hält.” Ein bisschen nachdenklicher wird Leo Sayers Stimme, wenn er an Niederlagen und Verletzungen in seinem Popstar-Leben zurückdenkt. “Spätestens nach dem dritten Hit glaubst du natürlich, das müsse jetzt ewig so weitergehen, die Leute werden dich nie sattkriegen.” Dann trübten die ersten Erkenntnisse, die Euphorie, “... als ich feststellen musste, dass ich von allen möglichen Leuten über den Tisch gezogen worden war. Ich hatte ein paar Millionen Platten verkauft und trotzdem keine nennenswerten Mittel unter meiner Kontrolle.” – „Das Glück“, sagt Leo Sayer sei ihm Gott sei Dank hold gewesen, “... als mein Erfolg in Amerika und Europa zu sinken begann, stieg er in Fernost gerade steil empor. Ich schlug also zwei Fliegen mit einer Klappe, machte mich erstmal aus dem Tränental davon und ließ mich vorerst woanders bejubeln.“ Doch die Achtziger und Neunziger, sagt Leo Sayer, “... waren wirklich nicht gut zu Musikern meiner Art. Keiner mochte mehr die Melange von Schönheit und Leid, alle redeten nur noch von den Göttern, den DJs, von Remixes und Dance-Maxis. Ich verstand diese Welt nicht mehr. Und als man die Qualitäten meiner Stimme für Remixe entdeckte und mir Angebote machte, floh ich in die Abgeschiedenheit. Ich hätte doch nicht mit Stock, Aitken, Waterman oder womöglich mit Dieter Bohlen arbeiten können!” Beinahe, sagt Leo Sayer jetzt ganz leise, sei er “... nun doch noch melancholisch geworden. Aber ich habe halt 15 Jahre lang kein Album aufgenommen, und das letzte ist auch schon zu Recht unbemerkt geblieben.” Endlich aber ist alles wieder anders, “... ich weiß nun, dass es einfache Gültigkeiten im Pop gibt, die niemals Rost ansetzen. Steely Dan haben solche Musik geschrieben und gespielt, ich habe es zumindest versucht. Mir gehen halt ständig diese Stimmen und Töne im Kopf umher, ich muss die auch unbedingt aufschreiben, das ist wie eine Krankheit und deshalb auch nicht immer angenehm.” Aber es schlägt jenen Leuten ein Schnippchen, die Leo Sayer “... immer nur in der Vergangenheit sehen und sehen wollen. Ich bereue zwar nichts, aber mich interessiert das alles nicht mehr, ich arbeite an meinen Talenten von heute. Und dieses Album ist mein erstes, das total meinen Vorstellungen entspricht.” Mit 56 Jahren ist der Songwriter Sayer, der kleine Große unter dem Wuschelkopf, “... der mir zum Glück erhalten blieb”, neugierig in eine spannende Zukunft aufgebrochen. “Das Schwierigste am Alter”, grinst der in Sussex geborene Brite, “ist der Fluch der Erfahrung und die Angst der Jugend vor ihr. So wie heute die Strokes Angst vor Eric Clapton haben, gibt es auch einen Daniel Bedingfield, der mich fürchten könnte. Das ist dem Dialog der Generationen leider nicht sehr zuträglich.” Aber Leo Sayer weiß inzwischen ja die schönen Seiten des Lebens und sogar eines Popstars zu erkennen. “Ich zitiere da gern den geschätzten Kollegen Willie Nelson, der eine wahrlich Musiker-kompatible Hommage an die Weisheit des Alters fand: „Ich erkenne den echten Scheiß, bevor ich ihn singe und nicht erst, wenn's zu spät ist.” Und deshalb hauen uns, sorry Leo, die Songs von “Voice In My Head” am Ende eben doch aus den Socken. Allerdings gelingt ihm das auch noch beim fünften Hören. Und das ist ja ganz bestimmt ein gutes Zeichen.

