Wenn man ins Studio von Laid Back kommt, hat man das Gefühl, ein Wohnzimmer zu betreten. Vielleicht liegt das daran, dass das Intime und Natürliche für die Zusammenarbeit von Tim Stahl und John Guldberg schon immer von größter Bedeutung war. Die Beiden arbeiten schon seit fast einer Generation in diesem Loft. Täglich sorgen sie hier für ein Ambiente, in dem sie sich wirklich wohl fühlen, und diese Natürlichkeit ist entscheidend, damit sich ihre musikalische Kreativität entfalten kann. Dabei...
Wenn man ins Studio von Laid Back kommt, hat man das Gefühl, ein Wohnzimmer zu betreten. Vielleicht liegt das daran, dass das Intime und Natürliche für die Zusammenarbeit von Tim Stahl und John Guldberg schon immer von größter Bedeutung war. Die Beiden arbeiten schon seit fast einer Generation in diesem Loft. Täglich sorgen sie hier für ein Ambiente, in dem sie sich wirklich wohl fühlen, und diese Natürlichkeit ist entscheidend, damit sich ihre musikalische Kreativität entfalten kann. Dabei geht es nicht nur um Möbel, Instrumente, Auszeichnungen und Tontechnik – es sind vor allem die Tonbänder, die ins Auge fallen. Bänder auf dem Boden, Bänder im Regal, Viertelzoll-Tapes, Halbzoll-Tapes, alte Tonbänder. Bänder überall! Bandrauschen Wenn man Laid Back ein Markenzeichen zuordnen wollte und dabei auf das Offensichtliche – die minimalistischen Pop-Arrangements, an denen man sie seit ihrem ersten Hit „Maybe I’m Crazy“ von 1980 erkennt – verzichten würde, dann wären es diese Magnetbänder. Sie bilden eine Art fixen Umdrehungspunkt in dem ansonsten fließenden kreativen Prozess, und sie dokumentieren Kilometer für Kilometer die musikalische Geschichte des Duos über 25 Jahre. Jedes dieser Bänder enthält ein Stückchen von dem, was geschieht, wenn Tim und John sich in ihrem Hinterhofstudio in der dänischen Hauptstadt zusammensetzen, um einen Groove abzufahren und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Um einen „Raum“ kümmern die beiden Musiker sich ganz besonders: um den Freiraum zwischen ihnen, in dem Laid Back immer wieder aufs Neue entsteht. Wenn die Musik einfach läuft und John nicht genau weiß, was Tim als Nächstes vorhat, und Tim genauso wenig ahnt, welcher Impuls wohl von John kommen wird. Deshalb ist es auch mehr als bloß eine interessante Geschichte, wenn man hört, wie Laid Back einst entstanden – aus einem zufälligen Aufeinandertreffen der beiden Musiker heraus, die im Kopenhagener Warner-Studio auf einen Dritten warteten, der jedoch nicht erschien, weil im Fernsehen gerade Elvis lief. Die Beiden arbeiten mit Zufällen und plötzlichen Impulsen, die irgendwie unvermittelt etwas völlig Neues verursachen: Songs wie „Sunshine Reggae“, „Bakerman“ und „White Horse“. Goldene Zeiten „Sunshine Reggae“, der Gute-Laune-Song schlechthin, war bereits als Single-Auskopplung von dem Album Keep Smiling ausgewählt, und nun wurde eine B-Seite gebraucht. Weil das Album zugleich in Amerika erscheinen sollte, musste auch die B-Seite eine Auskopplung sein – die Wahl fiel auf „White Horse“. „Sunshine Reggae“ eroberte den weltweiten Markt via Italien, und allein in Deutschland wurden – nach einem behäbigen Start – in jenem Herbst 800.000 Exemplare verkauft. Die Single eroberte Platz 1 in 23 Ländern und führte die Band auf Tour durch Russland, ganz Europa und bis nach Südamerika. Bis heute hat sich „Sunshine Reggae“ rund 25 Millionen Mal verkauft. Die Mainstream-Radiosender haben die Nummer weitgehend ignoriert. Anders die afroamerikanischen DJs in zahlreichen Stadtradios: Sie entdeckten schon bald den heißen Elektrofunk-Sound von „White Horse“. Über „White Horse“ ist viel gesagt und geschrieben worden: Der Song richte sich gegen Drogen, er sei die Vorlage für den späteren „Elektro-Clash“, der seit ein Paar Jahren die Medien verseucht. Eine Tatsache hingegen ist, dass „White Horse“ in vielen Clubs und Radiosendern auf der ganzen Welt immer noch regelmäßig gespielt wird, wie damals in den Achtzigern. Von London bis Las Vegas. Von Wellington bis Wladiwostok. Von Kyoto bis Kopenhagen. Die Single klingt heute noch genauso frisch wie eh und je. Diese zeitlose Qualität trägt sie seit mittlerweile 20 Jahren mit sich herum, und für eine der raren Vinylpressungen von damals legt man heute schon mal einen Stapel 10-Euro-Scheine hin. Das Geheimnis von Laid Back ist es, etwas Kompliziertes einfach aussehen zu lassen, etwas Schwierigem Leichtigkeit zu verleihen. Die Musik so „herunterzukochen“, dass schließlich die reine, ursprüngliche Idee zum Vorschein kommt, ohne allzu viele künstlerische Effekte. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Song „Bakerman“, der in einem Take komponiert, gespielt und aufgenommen wurde – abgesehen von dem Part der Sängerin Hanne Boel, die ihr „Hey, how are you“ in Suaheli nachträglich beisteuerte. „Bakerman“ ist die Antwort des Duos auf das Dogma-Konzept im Film: Lo-Tech und Impulsivität in der Produktion. Da war es nur angemessen, dass Lars von Trier als Regisseur das Video filmte, das mit seinen aus 3.000 Meter Höhe abspringenden Laid Back-Doppelgängern und einem Bäcker einiges Aufsehen erregte. Electronic Dream „Bakerman“ und das Album Hole in the Sky verstärkten erneut das Interesse in Europa, besonders in Schweden, Deutschland und Italien, wo neben Dänemark die meisten Konzerte der damaligen „Rock ‘n’ Roll“-Tour gespielt wurden. Ohne Computer. Alles live. Das Album Why’s Everybody in Such a Hurry mit seinen hervorstechenden Gitarrensounds kam 1993 heraus. Es war deutlich inspiriert vom Blues, dem die Musik des Duos auch seine 12- und 16-Takt-Strukturen entliehen hat. Dies ist vielleicht einer der Gründe, warum jüngere Producer elektronischer Musik sich heute an Laid Back orientieren. Laid Back selbst waren stets vertraut mit der aktuellen Electronic-Szene. Die abwechslungsreiche, progressive House Music von Underworld hinterließ ihre Spuren, und die Jahre nach der 1993er Veröffentlichung waren für Tim und John sowohl von Malerei als auch von elektronischer Musik geprägt – beispielsweise in Form von schier endlosen Chillout-Tracks, die leicht ein ganzes Aufnahmeband füllen. Dennoch war das folgende Werk, Laidest Greatest von 1995, ein Compilation-Album. Erst 1999 zeigen sich die ersten Spuren von Laid Backs Aufenthalt im Whirlpool. Unfinished Symphonies ist der Höhepunkt eines langen Entwicklungsganges, in dem das Duo damit experimentierte, den kreativen Prozess zu verlängern, das Ende hinauszuzögern, als dessen Ergebnis schließlich Hi-Tech steht. Und auch die beiden Musiker werden von dieser Technologie gleichsam absorbiert. Black Eyed Peas, der Rapper Heavy D, Bone Thugs-N-Harmony und R&B-Star Monifah gehörten zu den Künstlern, die Ende der Neunziger „White Horse“ wiederentdeckten und Samples daraus verwerteten. In Dänemark gelang es damals der HipHop-Band Den Gale Pose (etwa „The Mad Posse“), John und Tim dazu zu überreden, den Groove der berühmten B-Seite neu aufzulegen, im Tempo den Reimen von Frontmann The Joker in „The Killing Joke“ angepasst. 2001 erhielten Funkstar De Luxe und Laid Back gemeinsam den Danish Dance Award in der Kategorie „Bester dänischer Remix“ für die aufgemotzte Funkstar-Version von „Sunshine Reggae“. Der Track war im Vorjahr veröffentlicht worden – in jenem Jahr, als Laid Back von der Arbeit mit Magnetbändern auf Digitaltechnik umstiegen. Das war natürlich eine gute Gelegenheit, um die alten Bänder mit Material durchzuhören, das sie nie vollendet hatten. Mit den Tools moderner Computertechnologie ergaben sich nun ganz neue Möglichkeiten für die alten Tracks, und es galt, neue Potenziale auszuschöpfen. So wurde z.B. eine Aufnahme von 1992 im Tempo verlangsamt und bildete das Fundament für „Beautiful Day“. Der Titel Happy Dreamer verrät schon, dass es sich hier um das vielleicht persönlichste Werk von Laid Back handelt. Ganz einfach, weil Laid Back genau dies sind: glückliche Träumer. Jedes Mal, wenn sie sich ins Studio setzen und den roten Knopf drücken und gemeinsam neues Territorium betreten. Es ist der Traum vom Traum. Der Traum von der kleinen Palmeninsel mit der aufgehenden Sonne mitten im Wohnzimmer. Denn daher kommen Laid Back.

