Kackfröhlich, alterslos und ungehemmt kommt das 11. Bühnenprogramm von Jürgen von der Lippe daher. Der Titel eine Verheißung, auch wenn niemand ernsthaft glaubt, dass ein Mann seines Formats mit einem Abend auskommt, um all das zu beschreiben, was ihm lieb und teuer ist, inklusive seiner Lieblings-Abneigungen. Seine Fans wünschen sich sicher einen Abend von endloser Dauer, aber der Meister hat sein zweifellos gigantisches Erinnerungsalbum, das er für uns aufschlägt, weise auf zwei Stunden dr...
Kackfröhlich, alterslos und ungehemmt kommt das 11. Bühnenprogramm von Jürgen von der Lippe daher. Der Titel eine Verheißung, auch wenn niemand ernsthaft glaubt, dass ein Mann seines Formats mit einem Abend auskommt, um all das zu beschreiben, was ihm lieb und teuer ist, inklusive seiner Lieblings-Abneigungen. Seine Fans wünschen sich sicher einen Abend von endloser Dauer, aber der Meister hat sein zweifellos gigantisches Erinnerungsalbum, das er für uns aufschlägt, weise auf zwei Stunden dreißig Minuten destilliert, die - wie immer bei Jürgen von der Lippe - im Fluge vergehen und bei den Zuschauern den Geschmack von ausgezeichnet 'gemachtem' Hochprozentigen hinterlassen. Jürgen von der Lippe nutzt jede Sekunde seines neuen Programms zugunsten seines Publikums. Ebenso einzigartig wie Jacques Tati jedes seiner Filmbilder akribisch vorgeplant und kein Detail dem Zufall überlassen hat, verarbeitet er jedes einzelne Wort, jede Silbe, jede Betonung und selbst die Atemhol-Pausen zu fesselnder Aufmerksamkeits-Dichte. Seine so scheinbar einfach daherkommenden Sätze sind Sehne, Pfeil und Spannungsbogen zugleich und treffen hundertprozentig ihr Ziel: Herz und Ohr beiderlei Geschlechts. Die Zuschauer können nicht genug davon bekommen, wenn der Meister des Comedy-Kamasutras sie spielend leicht in all jene lustvollen Positionen bringt, aus denen heraus sie sich über das scheinbar so normale Leben köstlichst abrollen können. Hier haut's den Boden aus der Gitarre. In bewährter und geschätzter Manier, im fließenden Wechsel von Standup Soli, Liedern und Parodien schüttet Jürgen von der Lippe wieder ein Füllhorn von humoristischer Weisheit und unerwarteten Pointen über den Zuschauern aus. Entwicklungstechnisch wichtige Stationen aus Kinder- und Pubertätsjahren werden bereist und dem gewaltigen Einfluss 'klassischer' deutscher Schlagermusik auf die sich entwickelnde Gefühlspalette nachgespürt. Seine Relaunches von Hits berühmter Interpreten aus vergangenen Tagen wie Freddy, Gus Backus, Peggy March und Ivo Robic werden dem Publikum wie unter einer musikalischen Lupe zu Gehör gebracht, unter der die zitierten Emotionen noch einmal ganz nah und wirklich groß erscheinen. Peter Maffay kommt dabei nur kurz vor, dafür ist Udo Jürgens, den er ein ultimatives Liebeslied singen lässt, neu im Repertoire. Wie immer wird er dabei äußerst wirksam und perfekt begleitet von Mario Hené, dem Musik-Schamanen, der aus 6 Saiten Midi-Gitarre ganze Bands hervorzaubert und die Lieder mit seiner Begleitstimme herrlich rundet. Bei fröhlichem Gefrozzel mit von der Lippe beweist auch er seine Schlagfertigkeit. Warnhinweise 'kurz vor' Einführung der Maut. Weitere wichtige Fragen aus den Haupt- und Grenzbereichen menschlicher Daseinsbewältigung wie Sex, Rauchen, Alkohol am Steuer, Hardcore-Nudisten und die Erfolge unserer rot / grünen Noch-Regierung, die sich z.B. auf Zigarettenschachteln ablesen lassen, erfahren unvermutete Antworten aus Lippes reichem Erfahrungsschatz. Dass man mit der deutschen Sprache soviel Spaß haben kann, verdanken wir seiner präsenten Sprachgewalt und seinem emanzipatorischen Umgang damit, besonders dann, wenn Jürgen von der Lippe sich an die Anfänge der Öko-Bewegung erinnert, an Birkenhaarwasser oder wenn er mit dem deutschen Tannenbaum endgültig abrechnet. Ohne Praxisgebühr zu 'Dr. Lippe'. Im weiteren Programm stellt er den Rohentwurf seiner geplanten Doktorarbeit „Deutsche Männer- und Frauenwitze im Vergleich“ vor und als Jürgen von der Knigge bringt er uns bei, wie man sich in höchsten Kreisen formvollendet völlig daneben benimmt, und wie man sich der Intimsphäre seiner Mitmenschen taktvoll im Lippeschen Sinne nähert, wenn dringende Probleme wie zum Beispiel Körpergeruch nach Lösungen schreien. Die Etiketten 'cool' oder 'uncool' entlarvt er nebenbei als allzuschnelles Vorurteil über Menschliches und Allzumenschliches. Euer Hochwürden, eine seiner Lieblingsrollen, kommt diesmal aufgrund zölibatärer Engpässe auf neue Ideen. Auch mit diesem Beispiel zeigt Jürgen von der Lippe, wie man erfolgreich um-die-Ecke-denkt, um sich auf dem Stadtplan des Lebens auch ohne Navigationssystem zurechtzufinden. Diese Szenerie krönt er mit seiner Country-Version der Bergpredigt. Alte Schweden, hört die noblen Signale ! Den nächsten Höhepunkt erreicht Jürgen von der Lippe mit seinem Lieblingsthema, der Kommunikation zwischen Männern und Frauen. Den Erkenntnissen seiner inzwischen nobelpreisverdächtigen Detailforschung auf diesem Gebiet und den daraus resultierenden Lachreizen ist, zumindest auf diesem Planeten, kein Damm gewachsen. Jürgen von der Lippe gesteht Porno-Konsum in seiner Jugend. Der G-Punkt der neuen Show 'Alles was ich liebe' ist sicher seine Vorführung eines fünfminütigen Super-8 Pornofilms, den er ohne Leinwand vor uns abspielt, und zwar vor- und rückwärts. Die werkgetreue Beschreibung des Geschehens und der Akteure wie auch die rückwärts gesprochenen Original-Texte, eine gedächtnis- und zungenakrobatische Höchstleistung, führen an den Rand des Lachkomas. Schlüsselreize musikalischer Quantentheorie. Insgesamt fragt sich der Zuschauer, ob das unterhaltsame Chaos, das der Seelenwissenschaftler Jürgen von der Lippe auf der Bühne zelebriert, nicht sogar das wirkliche Leben ist. Seine 'Magie der Harmonie' jedenfalls passt wie maßgeschneiert allen Konfektionsgrößen im Publikum, seien es die seiner Stammkundschaft, die seiner Neuzugänge oder die von Zufallsinteressierten. Was er vielen Kollegen voraus hat ? Das Können. Jürgen von der Lippe schafft es, dass sowohl Sprach-Feinschmecker wie auch Sprech-Fastfoodler nach seinen Gewürz-Geheimnissen süchtig werden. Dass er dafür immer noch angemessen niedrige Eintrittspreise verlangt, macht den Meister mehr als sympathisch. P.S.: Für gestandene Fans legt Jürgen von der Lippe natürlich einen zwergen-haften Dialog zwischen 'Helge und Peter' obendrauf.
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