„Musik kennt keinen Nationalismus“Es gibt Musiker, die leben nicht nur im luftleeren Raum zwischen den Nationen - sie verkörpern ihn geradezu. Goran Bregovic gehört unbedingt zu ihnen. 1950 in Sarajevo als Kind eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter geboren, verinnerlichte er schon damals die Segnungen und die zukünftigen Probleme seines ehemals multikulturellen Jugoslawiens.Das seine Frau Bosnierin ist und seine Tochter ob ihrer Geburt in den USA einen amerikanischen Paß besitz...
„Musik kennt keinen Nationalismus“Es gibt Musiker, die leben nicht nur im luftleeren Raum zwischen den Nationen - sie verkörpern ihn geradezu. Goran Bregovic gehört unbedingt zu ihnen. 1950 in Sarajevo als Kind eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter geboren, verinnerlichte er schon damals die Segnungen und die zukünftigen Probleme seines ehemals multikulturellen Jugoslawiens.Das seine Frau Bosnierin ist und seine Tochter ob ihrer Geburt in den USA einen amerikanischen Paß besitzt, vervollständigt das kulturelle Puzzle. Daß zu seinen Bewunderern Kollegen wie Iggy Pop, David Bowie, Jean-Michel Jarre und Vangelis gehören, ist nur eine weitere Facette in dem Leben, das einst von den schillernden Farben des größten jugoslawischen Rockstars strahlte und in den letzten Jahren von den Grautönen des Krieges in seiner Heimat bestimmt wurde, die die internationalen Erfolge seiner Musik kaum aufhellen konnte.Dabei sitzt er musikalisch ebenso zwischen allen Stühlen, wie es ihm seine Familie scheinbar kulturell schon vorzeigt. Auf Tour geht er mit einem minimierten Streichorchester, einem (klassischen) Männerchor, einem (traditionellen) Frauenchor, einer Brassband und einer (beinahe) Rockband. Angesiedelt zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen Krieg und Frieden haben derart plakative Wörter für ihn jede Bedeutung verloren. „Ich bin aus einem Land, wo du als erstes lerntest, daß sich Politik nicht um Menschen dreht, sondern um weltfremde Alien. Politiker sind ehemals menschliche Alien. Politik habe ich immer als etwas gesehen, was sich nicht um Dich oder mich kümmert, sondern um irgendeine Macht, von der man nicht weiß, wie sie arbeitet, für wen oder für welche Interessen. Für mich gibt es keine Nationen, die anderer Nationen Feind sind. Es waren immer Politiker, die ihre Spielchen spielten.“ Um kurz danach zu ergänzen: „Wenn Du Dich im Krieg befindest, merkst du sehr schnell, daß er eine Facette der menschlichen Seele ist. Das mag unglaublich sein, aber es ist so. Du entdeckst Instinkte wieder, die du für lange verschollen hieltest. Der Krieg befördert sowohl die schlechten als auch die besten Seiten der Menschen.“Und ihn, den ehemaligen Rockstar mit Ruhesitz auf einer kleinen Insel in der Adria, hat er wieder zum Arbeiten gebracht. Aber auch das eher aus Versehen, denn als der Krieg ausbrach, befand sich Bregovic gerade in Paris und hatte plötzlich keinen Zugriff auf seine Ersparnisse mehr. „Am Anfang des Krieges, als ich wirklich noch dem Geld hinterher rannte, da habe ich in zwei Jahren bestimmt 8 oder 10 Filme gemacht. Aber das Leben ist kurz, und nur mit Filmen möchte ich meine Zeit nicht verplempern. Außerdem liegt die Bestimmung eines Filmes nun einmal nicht in der Musik. Ich hatte großes Glück, drei wirklich gute Filme mit Kusturica zu machen und einen weiteren mit der Bartholomäusnacht. Morricone hat etwa 400 Filme gemacht, und wenn Du Dich wirklich einigermaßen mit Filmmusik auskennst, kommst du vielleicht auf Anhieb auf fünf Soundtracks davon. Ich denke, das Leben ist zu kurz, um 400 Filme zu machen. Ich brauche nicht so viele.“ Und immerhin sind von seinen vier veröffentlichten Soundtracks drei sehr bekannt, genießen in einigen Ländern regelrechten Kultstatus. Was für ein Schnitt gegenüber Morricone!Aber Bregovic hat noch ein anderes, schwerwiegenderes Problem, weshalb er keine Soundtracks in der nächsten Zeit mehr schreiben möchte – ein grundlegendes Problem, welches sich immer wieder im Leben des ehemaligen Rockers widerspiegelt: „Die Regisseure nehmen sich so bitter ernst. Dabei ist es nur ein Film und keine Operation am offenen Herzen! Es gibt so viele Filme und so viel Musik, daß ein einzelner Film gar nicht so wichtig sein kann.“Außerdem ist die Realität meist noch viel verrückter, als man es in einem Film je darstellen könnte, erinnert sich Bregovic an die ersten serbischen und kroatischen Kontrollpunkte in Sarajevo. „Die Serben sahen aus wie aus einem schlechten Partisanenfilm mit ihren Bärten und alten Gewehren. Es wirkte wirklich wie ein schlechter Kostümfilm und nicht wie die Realität. Vielleicht ist es auch immer so, daß, wenn etwas sehr ernstes passiert, es zuerst so einen Kostümzwang gibt. Als dann die ersten Schüsse fielen, war ich in Paris und rief meine damalige Freundin und heutige Frau an, um ihr zu sagen, daß sie nachkommen solle und daß es Krieg geben würde. „Nein, nein, es ist die verrückteste Zeit überhaupt, und noch nie hatten wir so viel Spaß in Sarajevo!“ Aus der Ferne sahen alle so verrückt aus, und je ernster sie sich gaben, desto verrückter wirkten sie auf mich. Ich sagte mir dann: Okay, die sind alle verrückt geworden und werden sich hoffentlich eines Tages dafür schämen. Und du solltest wieder Musik schreiben, vielleicht kann man dann eines Tages wenigstens darauf stolz sein.“Aber diese Zeit hat tiefe Wunden bei Bregovic hinterlassen, Wunden, die er zwar mit dem Heilpflaster seiner Musik bedecken kann, die aber nach 10 Jahren Krieg noch immer nicht verheilt sind. „Du kannst nicht auf die Menschen zählen. Die Massen sind verrückt, und was immer du mit ihnen machen willst, kannst Du mit Hilfe des Fernsehens machen. Das ist das Traurigste, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Nur die praktischen Probleme halten mich davon ab, zum Zyniker zu werden. Ich habe muslimische Verwandtschaft, kroatische und serbische Verwandtschaft. Es ist kaum zu glauben, wie schwer eine Verabredung von Muslimen und Serben in der Verwandtschaft zu organisieren ist. Das sind die praktischen Probleme, an denen ich immer wieder merken muß, daß ich im Krieg bin, ob ich nun dort bin oder auch nicht.“ Dabei hat er dem nationalistischen Wahnsinn schon des öfteren ein Schnippchen geschlagen, etwa damals auf dem letzten Album von Bijelo Dugme, auf dem er ein in Jugoslawien verbotenes kroatisches und ein verbotenes serbisches Lied miteinander kombinierte. Traurige Ironie der Geschichte: Das Cover damals zeigte eine vollbesetzte Arche, und heute ist das ehemals verbotene kroatische Lied zur Nationalhymne aufgestiegen „... und das serbische Lied,“ so ergänzt Bregovic, „wird wohl nach der nächsten Wahl in Serbien ebenso dazu werden.“ Dabei verträgt sich der geballte nationalistische Wahnsinn in der Musik wunderbar und erscheint als „A song dedicated to Eleni F.“ auch noch als der griechischste Song des Albums, welches Goran Bregovic mit George Dalaras aufnahm. „Ich habe das nur aus Spaß versucht, und mir wurde wieder klar: In der Musik gibt es keinen Nationalismus!“Deswegen ist für ihn auch völlig egal, ob auch deutsche Bomber an den Einsätzen in seiner Heimat beteiligt waren oder nicht. Für alle Fragen nach Bombern und Schuld hat er nur eine lakonische Antwort parat: „Ich bin nicht mehr so jung und dumm, um an persönliche Feinde zu denken!“

