"1992 - die Nummer und zwar im Sommer! Ein junger Spund rappt ohne Punkt und Komma." (aus "Wär das nicht derbe" Fettes Brot 2002) Also, das war so: Im Sommer des Jahres 1992 trafen sich drei Hamburger Vorstadt Gymnasiasten in der Spielecke von McDonalds und knabberten ihre Pommes. Während sie so über fleischlose Ernährung nachdachten, ass ein Kind nebenan einen für seine kleinen Hände viel zu grossen Big Mac. Das fiel unseren kritisch gestimmten Helden natürlich sofort auf und sie prusteten...
"1992 - die Nummer und zwar im Sommer! Ein junger Spund rappt ohne Punkt und Komma." (aus "Wär das nicht derbe" Fettes Brot 2002) Also, das war so: Im Sommer des Jahres 1992 trafen sich drei Hamburger Vorstadt Gymnasiasten in der Spielecke von McDonalds und knabberten ihre Pommes. Während sie so über fleischlose Ernährung nachdachten, ass ein Kind nebenan einen für seine kleinen Hände viel zu grossen Big Mac. Das fiel unseren kritisch gestimmten Helden natürlich sofort auf und sie prusteten los: Mann, das is aber ein Fettes Brot! Oder trafen die drei sich beim Judo Kurs der Kirchengemeinde Schenefeld? Wo der junge Boris immer gegen Mädchen kämpfen musste, was er als ungerecht für beide Seiten empfand. Irgendwann kam da so eine schüchterne Langhaarige auf die Matte, und er dachte noch: sei zart, als ihm die Bartstoppeln auffielen. Potz Blitz! Die Langhaarige war ein Typ und hörte auf den Namen Björn. Irgendwo draussen vor der Halle ass Martin sein Pausenbrot, und als Björn und Boris mit Judo fertig waren, staunten sie im Vorbeinachhausegehen über Martins riesenhafte Stulle: das ja'n Fettes Brot?! Ich glaube, ich lüge, aber was weiss ich denn? So oder anders könnte es gewesen sein, als sich im grössten Baumschulgebiet der Welt (HH Nord West) anno 1992 die "beste Band aus der Erde" zusammenfand, und das bis heute auch geblieben ist: FETTES BROT. Eines ist sicher: Ausgestattet mit "etwas mehr Humor als Advanced Chemistry, und weniger als die Fantas", machten sich drei Feunde daran, Hamburg auf die Rap Landkarte zu schreiben. Nicht viel später bemerkte man, dass da auch noch andere die Jugendzentren bespielten, mit ähnlichen Plänen: Absolute Beginner, Reim Banditen, etc. pp.. Machte aber nix: Im Hip Hop Olymp muss doch Platz genug für alle sein, dachten sie bei sich. Wer konnte schon ahnen, dass da oben jeder ein Gott sein wollte und man sich so lange gegenseitig wegdissen würde bis die Hölle zufriert? Für die Brote (damals noch zu fünft - mit den Brüdern Schmidt - einer davon heute bei 5*dlx) hiess es erstmal mit den rudimentärsten Möglichkeiten (Kassettendeck, Mikrophon) Lieblingsmusiken imitieren. De La Soul waren ein Einfluss, A Tribe Called Quest, und tief eingeprägt - sein wir ehrlich: die Ärzte. Sie müssen verstehen: in den Kinderzimmern dieser jungen Menschen waren Fun Punk und Native Tongue Hip Hop kein Widerspruch. Man bildete sich ein, die liegen beide links vom Mainstream, und genau dort sahen sich die Söhne z.T. sozialistischer Eltern auch. Korrekt ausserhalb des Systems - aber mit einem Lächeln quer durchs freche Gesicht, statt der üblichen linkspolitischen Sauertopf Mine. Ende 1993 war man soweit, dass das kleine Hamburger Label Yo Mama seine Scheu vor deutschsprachigem Mittelstands Rap nicht länger aufrecht erhalten konnte und es ging mit Label Kopf André Luth ins Studio: Ins Container Studio, wo Hamburgs erste Rap Gruppe Easy Business und ihr kongenialer Tonmeister Super Mario von Hacht zugange waren. Über Weihnachten und Neujahr entstand dort im schönen Stadtteil Bramfeld "Mitschnacker", die erste EP der Band, von der auch Single Nummer 1, die FB Gebrauchsanweisung "Definition von Fett" stammt. Zwischen Samis Schnell Imbiss und der 37er Bushaltestelle, von wo es spätabends einmal durch die ganze Stadt nach Hause ging, lernten die Brote - mittlerweile zum Trio geschrumpft - das Laufen unter der Studio Uhr. Eher zufällig fiel ein Vorab Tape dieser EP einem Freund von Mudder Luth in die Hände, der beim schwäbischen Mini Major Intercord "schaffte": Martin Schuhmacher. Der spielte das seinem A&R Chef Peter Cadera vor, der wiederum von seinem Chef Herbert Kollisch aus dem Büro geschmissen wurde. Peng! Schon hatten Fettes Brot, ihr Manager seit der ersten Stunde - Jens Herrndorff - & Yo Mama einen Deal in der Tasche, der lange Jahre in Hip Hop Deutschland seinesgleichen suchen sollte. Schon bald ging es wieder im Schnellbus nach Bramfeld. Mario von Hacht stand mit Pommes Frites und Cola Flaschen in der Tür. Der Sampler lief schon warm und die SP 1200 Beat Maschine pluckerte aufgeregt vor sich hin. 6 Monate später, so circa Weihnachten ´94 war sie fertig: die erste lange Spielplatte von Fettes Brot: "Auf einem Auge blöd". Bei den Eltern wurden die ins plattdeutsche übersetzten Texte für "Nordisch By Nature" abgeholt und sämtliche Schulhof Geschichten, die sich über die Jahre angestaut hatten, wurden zu Musik gereimt, die fetter produziert war, als das die Konkurrenz im Land bis dato hinbekommen hatte. Single Nummer 3 wurde dann gleich die Disco Peitsche "Nordisch by Nature". Im Herbst 1995, so circa am Karnevalsanfang, meldete sich dann zum ersten Mal der Widerstand gegen den unkontrollierbaren Erfolg. 150.000 Menschen hatten sich die Platte mit nach Hause genommen und den Broten ging die Muffe, dass man jetzt für immer auf die plattdeutsche Quatsch Combo aus dem hohen Norden festgenagelt werden würde. Flugs wurde die Nummer von Markt genommen und für tot erklärt. Nicht nur Buddhisten wissen nun aber, das in jedem Ende ein neuer Anfang liegt: Als am 01.04. des folgenden Jahres (1996) aus einem als solcher unbeabsichtigtem April Scherz namens "Jein" dann ein noch grösserer Schlager wurde (Top 10), nahmen die drei es diesesmal gelassen. Das war Fettes Brot pur! Damit konnte man sich identifizieren, und kann es auch heute noch: Herb Alpert Trompete, Brand Nubian Beat und ein unwiderstehlicher Text über das ewige Dilemma sich entscheiden zu müssen: "Soll ichs wirklich machen, oder lass ichs lieber sein?". Mit der Freundin des besten Freundes anbandeln? Mit den Jungs saufen gehen, oder zuhause kuscheln mit dem Lieblingsmädchen? Jein! Zur Feier des ersten Top 10 Albums "Aussen Top Hits - Innen Geschmack" ging es im Sommer 96 dann erstmal in Hasenkostümen zurück zu McDonalds. Back to the Spielecke? Aber niemand erkannte die 2 bis 3 Vegetarier wieder, die hier vor 4 Jahren möglicherweise ihren Bandnamen gefunden hatten. Andere Jungstars werden auf der Strasse erkannt, nicht so die verkleideten Fettes Brot. Die gingen gleich wieder ins Studio und feierten - unbemerkt von den meisten Fans - eine virtuelle Strandparty namens "Sekt oder Selters". Eine umstrittene Single zwischen den Alben. Rückblickend muss man sagen, das sich hier die erste inhaltliche Krise der Band ihren Weg bahnte. Plötzlich war man doch seinem eigenen Mythos aufgesessen und wollte vor lauter Gefallsucht auf den einmal ausgetretenen Pfaden weiter machen. Album Nummer 3 entstand, und was auf dem Cover zu "FB lässt grüssen" (Top 10) noch aussah wie "Reservoir Dogs" an der A23, war innen ein zerissenes Werk, dessen Perlen "Können diese Augen lügen" oder "Nicolette Krebitz wartet" (mit Tocotronic!) lange im Album Zusammenhang versteckt blieben. Dann wurde es richtig gemütlich. Anlässlich der Single Auskopplung "Viele Wege führn nach Rom", für die Tom Jobim und Burt Bacharach Pate gestanden hatten, wollte man sein angestammtes Rap Terrain nun noch weiter verlassen. So nahm jemand aus dem Brote Lager den Höhrer in die Hand und bimmelte beim grossen alten Mann der Orchester Musik - James Last. Leider rief der etwas später zurück, als erhofft, und so kam man auf die zündende Idee gleich ein ganz neues Werk zusammen aufzunehmen, statt bloss einer Version og. Single. Während einer Woche Golfunterricht und falscher Hase Wettessen in Florida entstand im Februar 1999 ein symphonisches Soul Kuriosum, das sich gewaschen hatte. Auf einmal rappten die Brote zu einem 8 Minuten Epos, das aus der mittleren Motown Phase (Norman Whitfield produziert die Temptations!) hätte stammen können. Nix Humbatäterä und "Sing mit Käptn James". Hier wurde grosse Kunst gemacht, die anlässlich von Hansi Lasts 70. Geburtstag sogar in der heiligen Royal Albert Hall zu London uraufgeführt wurde. Trockener Kommentar eines ur-britischen Senioren Paares nach der Show: "Oh, it was such a delightful evening, darling, wasn't it? - Yes, Love, but he can do without the rap". Soviel zum Thema Generationskonflikt international. Nun war es aber an der Zeit in seine Altersgruppe zurückzukehren und die Brote gingen es an. Vom Container Studio war man inzwischen in die eigene Eimsbütteler Etage (Tür an Tür mit der Band eins zwo und Fünf Sterne DJ Coolmann) gewechselt. Dort entstanden im Herbst 99 drei neue Songs, die eine neue aufregende Phase im Brote Schaffen einläuten sollten. In erster Linie "Da draussen" war es zu verdanken, dass die Band wieder dahin zurückfand, womit sie 1992 angefangen hatte: verbales Judo stand auf dem Stundenplan. Von der Trainingslager Posse in Hamburg Altona lieh man sich einen dünnen DJ mit Namen exel.Pauly, der neben seiner Beverly Hills Cop Video Sammlung auch noch Skills auf zwei Plattenspielern zu bieten hatte, die er bis heute im Studio und auf der Schaubühne zum Besten gibt. Gemeinsam verzog man sich ins Labor und kam mit einem Album zurück mit dem man sich da draussen neu bewerben wollte - darum auch der Name "Demotape". Gleich die erste Single wies den Weg: In ihrer Inkarnation als "Schwule Mädchen" (Top 10!) bretterten die 3 (bzw. 4) einen Electroclash Punk Rock Song zusammen, dass es eine Freude war. Das war ganz neue Musik und der Schwung hielt weiter an: Die Zeitlupen Teen Rock Hymne "The Grosser" kam und darauf blies die Memphis Horns Bläser Sektion von unter anderem Elvis Presley einen Marsch auf die Hip Hop Institutionen, der noch dieses Jahr nachwirkt. Nachdem man anlässlich der 2002er Festival Saison bemerken durfte, dass sich zwar die Tonträger insgesamt halb so oft verkauften, wie vor 4, 5 Jahren, dafür aber die Hallen und Felder doppelt so voll waren wie früher, muss den Jungs die grössenwahnsinnige Idee für "Welthit" gekommen sein: Ihre neue Single ist eine hart rockende Bestie geworden ist, ein unvermittelt auftauchender Terminator nach dem Ende der Welt, wie wir sie kannten. Mittlerweile ist Ground Zero überall, dachten sich die drei, und aus den Trümmern der Kultur zimmerten sich unsere Helden eine neue Hymne, die sich ganz der Gegenwart verschreibt. Hedonistisch und doch aufgeklärt, lebensbejahend, aber tödlich um sich kickend, schieben sie den Schmerz beiseite, der alle lähmt, und feiern, als wärs das erste und das letzte Mal. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Woodstock Symbolik auf dem Cover und im Video: Zitiert und beschrieben wird damit das mit dem grossen Hippie Festival kulminierende Ende einer Epoche zwischen Krieg und Frieden, Schuld und Unschuld, und der Übergang in eine ungewissere Zukunft. Auf "Welthit" verschmelzen darüberhinaus die Einflüsse der Fettes Brot Lieblingsmusiken - von Soul bis Punk Rock - zu einem Hip Hop Weckruf, der viel länger als seine kurzweiligen 3 Minuten 33 nachhallt. Soweit. Bis hierhin. Um alles, was ich hier nur anreissen durfte, zur Genüge zu verarbeiten, hat sich die Gruppe nun überlegt, dass keine Lüge so sexy erzählt ist, wie die Wahrheit. Deshalb lade ich Sie, liebe/r LeserIn ein, sich nicht nur die beiliegende Best Of Platte gewogen anzuhöhren, sondern sich Nachbars DVD Spieler über die Feiertage zu borgen. Auf "Amnesie" lassen sich nämlich neben sämtlicher 16 (!) Fettes Brot Musikvideos auch noch ohne Ende andere Stationen im Leben "der besten Band aus der Erde" nachvollziehen. Bis zu zwei Stunden Filmmaterial aus goldenen Zeiten, peinlichen Momenten und dem alltäglichen Irrsinn von Fettes Brot runden dieses schöne Weihnachtsgeschenk ab. Wir im Lager der Brote haben uns jetzt schon entschieden, uns das Teil gegenseitig zum Yul Klapp zu schenken. So bleibt man auch noch weitere 10, 15 Jahre gute Freunde, und ich hab dann 2017 das Vergnügen die Feierlichkeiten zum Silver Jubilee auszurufen... Lang lebe Fettes Brot!

