Man darf immer sehr gespannt sein, wie Death In Vegas weitermachen, denn vorhersehbar ist bei den Jungs nichts. Rein gar nichts. Das war so, das ist so und das bleibt auch am 21. Oktober 2002 so, wenn ihr drittes Album „Scorpio Rising“ veröffentlicht wird. Während der Erstling „Dead Elvis“ mit seinem eigenwilligen Mix aus Club-Reggae, 60ies Pop und ein bisschen Garagenrotzigkeit glänzte, folgte mit „The Contino Sessions“ ein schrilleres, schmutzigeres, gemeineres und dunkleres Werk, auf dem ...
Man darf immer sehr gespannt sein, wie Death In Vegas weitermachen, denn vorhersehbar ist bei den Jungs nichts. Rein gar nichts. Das war so, das ist so und das bleibt auch am 21. Oktober 2002 so, wenn ihr drittes Album „Scorpio Rising“ veröffentlicht wird. Während der Erstling „Dead Elvis“ mit seinem eigenwilligen Mix aus Club-Reggae, 60ies Pop und ein bisschen Garagenrotzigkeit glänzte, folgte mit „The Contino Sessions“ ein schrilleres, schmutzigeres, gemeineres und dunkleres Werk, auf dem mehr ältere musikalische Einflüsse – von den Stooges bis hin zu Velvet Unterground – verarbeitet wurden. Heute, drei Jahre später, präsentieren Death In Vegas sich und ihren Sound mit „Scorpio Rising“ in einem helleren, indisch-angehauchten Licht. Und sind besser, eleganter und britischer denn je. Der Name des Albums „Scorpio Rising“ lüftet nur einen Teil des Schatzes, der gehoben werden darf: Er ist in Anlehnung an den 29-minütigen Streifen des Avantgarde-Filmers Kenneth Anger aus dem Jahr 1964 gewählt worden. In Anlehnung an einen Film, der Kontroversen ausgelöst hat, der für ein wahres Blitzgewitter aus Schnitten und Sounds steht, im Mittelpunkt stehen Biker und religiöse Bilder-Symbolik. Das Albumcover lüftet einen weiteren Teil des Geheimnisses des neuen Sounds: Ein Skorpion entsteigt einem Pentagramm und bewegt sich auf ein Prisma in schillernden Farben zu. Richard Fearless (neben Tim Holmes einer der beiden Köpfe der Band) erklärt dazu: „Das Cover symbolisiert das Gute, das aus dem Bösen entspringt. Das passt zum Sound des Albums; nach dem letzten Longplayer wollten wir dieses Mal etwas Leichteres schaffen.“ Leicht sind „The Contino Sessions“ gewiss nicht. Das Werk aus dem Jahr 1999 mit Gaststars wie Iggy Pop oder Bobby Gillespie geht tief, ist extrem und aufreibend. Die schrillen Gitarren, beängstigend intensiven Klangflashes und die stetige Monotonie ist nichts für weichgespülte Alltagshörer. Es klingt wie eine drogengeschwängerte Psychedelic-Rock-Ambient-Fusion: schrill, monoton, ätzend gemein und zum Teil auch gewalttätig psychotisch: Das beste Beispiel hierfür ist der Track „Aisha“, dem Iggy Pop seine Stimme leiht und mit dem Death In Vegas Anfang 2000 ihren ersten Nummer-10-Hit landeten. Darauf folgte die Auskopplung „Dirge“ mit der schottischen Sängerin Dot Allison, die in den Charts unter den Top 30 zu finden war. „Scorpio Rising“ ist anders. Mit dem neuen Album wecken Death In Vegas ganz andere Sinne: Die Musik fließt wie ein Fluss durch eine Idylle aus strahlenden und schönen Soundlandschaften, deren Farben sich beim genauen Hinhören immer wieder aufs Neue verändern. „Scorpio Rising“ enthält Songs, die man vielleicht am besten unter dem Titel „psychedelische Liebeslieder“ einordnet. Neben den prominenten Stimmen von Paul Weller und Liam Gallagher hauchen vor allem Frauen den Songs ein sphärisches, elegantes und zum Teil süßes Leben ein: Es sind dies Hope Sandoval (früher bei Mazzy Star), Nicola Kuperus (von der Detroiter Techno-Band Adult), Susan Dillane (Woodbine) und wiederum Dot Allison. Death In Vegas beweisen erneut, dass unendlich viele Musikstile miteinander verbunden werden können. Auf „Scorpio Rising“ verweisen die indisch-angehauchten Klänge auf den ersten Baustein, auf dem das Album entstanden ist: Richard Fearless und Tim Holmes haben Indien in den vergangenen fünf Jahren oft bereist und sind so angetan von dem Land und seiner Atmosphäre, dass die Eindrücke den Weg in ihr Songwriting gefunden haben. „Ich wuchs in Afrika auf“, sagt Fearless. „Ich denke, ein Teil meiner Seele vermisst diese chaotische und verrückte Seite des Lebens. Auf mich als Künstler wirkt Indien mit seinen Klängen und Bildern inspirierend. Du wanderst durch Wälder, findest diese kleinen Dörfer und auf jeder Palme sind Lautsprecher befestigt aus denen Musik plärrt. Die Musik ist so anders als zuhause. Die Frequenzen enthalten vor allem Höhen und fast keine Bässe. An all dies dachten wir, als wir das Album abmischten. Es ist einfach, Streicher so abzumischen, dass sie üppig und gigantisch erscheinen: Wir wollten aber das Gegenteil - erreichen, dass sie dünn und scharf klingen.“ Dr L Subramaniam half dabei. Er ist ein renommierter indischer Violinist und großer Star in seiner Heimat. Mitte der 70er tourte er bereits mit George Harrison und Ravi Shankar durch Amerika und Europa und die Studio-Session mit Jazz-Größe und Pianist Herbie Hancock war die letzte mit einem westlichen Musiker. Fearless hörte Subramaniams Musik zum ersten Mal in einem indischen Café. Er war begeistert, nahm mit ihm Kontakt auf und überließ es ihm, die Grundrichtung des Sounds zu bestimmen. So ist der Gaststar aus dem fernen Land nicht nur höchstpersönlich auf drei Tracks („So You Say You Lost Your Baby“, „Killing Smile“ und „Help Yourself“) zu hören, er half auch bei der Auswahl der indischen Musiker. „Es war toll mit ihm zu arbeiten“, schwärmt Fearless. „Er ist extrem religiös. Wenn er bei uns im Studio war, um ein Solo aufzunehmen öffnete er seinen Violin-Kasten, der über und über mit Bildern von Gottheiten und seiner Familie bedeckt war. Bevor er anfing zu spielen, betete er für sie alle. Es war, als würde ich mit einem Genie zusammenarbeiten. Das war für mich das Größte.“ Die Klänge Indiens bilden das Herzstück von „Scorpio Rising“ – andere Elemente tragen dazu bei, dass aus ihm ein Meisterwerk entsprungen ist: Gene Clark stand dabei genauso Pate wie die Musiker Roky Erickson, Fad Gadget, Alice Coltrane und Sonic Youth. Diese vielfältigen Einflüsse und die Idee, einen Sound zu schaffen, der einer Live-Atmosphäre gleichkommt, wurden mit Gespür verwoben und zu einem stilvollen Klanggemälde verarbeitet. Holmes und Fearless konnten dabei auf die Erfahrungen bei der Vertonung ihres Vorgängers „The Contino Sessions“ zurückgreifen, das während einer Tour entwickelt wurde. Das die Umsetzung der Idee gelungen ist, reflektieren wohl die Songs mit den beiden schillernden männlichen Guest-Stars am besten: Liam Gallagher mit dem Titel-Track „Scorpio Rising“ und Paul Weller mit „So You Say You Lost Your Baby“ - beides sind elektrisch-geladene Garage-Rock-Songs. Der eine ist ein Original mit den Lyrics von Fearless (zur Seite standen ihm dabei der Video-Filmer Wiz und sein alter Freund und Sport Journalist Harry Pratt), der andere ist ein Gene-Clark-Cover von dessen erstem Solo-Album nach seiner Ära bei den Byrds („Gene Clark With The Godsin Brothers“ aus dem Jahr 1966). Beide Songs sind einzigartig und bilden sozusagen das Gerüst, auf dem der neue Death-In-Vegas-Longplayer aufgebaut ist. Und mehr als alles andere, zementieren diese zwei Titel, dass Death In Vegas eine Band sind und dass keineswegs bloß von einem Studio-Projekt gesprochen werden kann. Diese Tatsache werden Holmes und Fearless unterstreichen, wenn sie ab Oktober auf Tour sind: „Wir möchten den Leuten beweisen, wie weit wir es als Live-Band gebracht haben,“ sagt Fearless. „Die Shows werden zu den besten zählen, die wir je gegeben haben. Wir haben viele verschiedene Ideen, die wir umsetzen möchten. Wir können’s kaum erwarten, rauszugehen und die Platte live zu spielen. Unser Songwriting ist viel tiefer geworden, das werden die Leute hören.“ „Scorpio Rising“ ist nur ein kleiner Teil von Death In Vegas. Man darf sehr gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht, denn vorhersehbar ist bei den Jungs nichts. Das ist es, was sie so besonders macht: Ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Zurzeit erstrahlt ihr Sound in einem hellen Licht – aber Fearless kündigt bereits an, dass die Band schon ihre nächste Offensive plant. Den nächsten Frontalangriff auf alle Sinne.

