"Indécise" - "Unentschlossen" - heißt das erste Stück auf "Bye Bye Beauté", dem neuen Album der französischen Sängerin Coralie Clément. Dabei hat sich die Schwester von Benjamin Biolay diesmal fest entschlossen, auf allen Bossa-Nova-Flair und jegliche Samba-Herrlichkeit zu verzichten, die ihrem gefeierten Debütalbum "Salle des pas perdus", das mittlerweile drei Jahre zurückliegt, noch zu eigen waren. "Die Wahrheit ist, dass ich eigentlich unmittelbar nach dem ersten Album das zweite machen w...
"Indécise" - "Unentschlossen" - heißt das erste Stück auf "Bye Bye Beauté", dem neuen Album der französischen Sängerin Coralie Clément. Dabei hat sich die Schwester von Benjamin Biolay diesmal fest entschlossen, auf allen Bossa-Nova-Flair und jegliche Samba-Herrlichkeit zu verzichten, die ihrem gefeierten Debütalbum "Salle des pas perdus", das mittlerweile drei Jahre zurückliegt, noch zu eigen waren. "Die Wahrheit ist, dass ich eigentlich unmittelbar nach dem ersten Album das zweite machen wollte, ich hab es nur nicht offen zugegeben. Ich wollte einfach ein etwas rockigeres Album machen", gesteht Coralie. Dies ist ihr mit der Erfahrung einer weltumspannenden Tournee mehr als gelungen. Dabei bietet "Bye Bye Beauté" alles andere als herkömmliche Rockmusik, eher markieren die zwölf Songs eine eigensinnige musikalische Mixtur aus film noir und nouvelle vague, aus düsterer New Yorker Hinterhofszenerie und dem analytischen Intellekt eines Jean-Luc Godard. Die Begegnung mit der amerikanischen Rockband Nada Surf hat ihrem stilistischen Richtungswechsel zusätzliche Dynamik verliehen. Daniel Lorca, Bassist der Band, hat Coralie Clément nicht nur bei einigen Konzerten unterstützt, er arbeitete auch tatkräftig am neuen Album mit und singt sogar ein vorzügliches Duett mit ihr ("Mais pourtant" ist vielleicht die einzige Reverenz des Albums an die französische Musik, präziser an Jane Birkin & Serge Gainsbourg.) So entstand das Album im ständigen Wechsel zwischen Paris und New York. Den Bärenanteil an den neuen Songs hat auch diesmal Benjamin Biolay übernommen und erneut stellt er seine enorme Vielseitigkeit unter Beweis. Das eingangs erwähnte "Indécise" etwa klingt wie eine Kreuzung aus Shivaree und Calexico inklusive herrlicher Mariachi-Trompete. Der Auftakt zu einem Album, das geprägt ist von bitterer Lakonie und krudem Humor: Mordphantasien ("Gloria"), Höllenqualen ("L'enfer") und zerbrochene Idyllen ("Beau fixe") durchziehen den Songreigen wie ein unsichtbarer roter Faden. Coralies Stimme scheint durch die Songs zu vagabundieren, die arglos gehauchten Zeilen wirken nicht selten wie ein heimlich belauschtes Selbstgespräch. "Avec ou sans moi" beschreibt das ziellose Umherstreunen durch New York und Songtitel wie "Un beau jour pour mourir" - "ein schöner Tag zum Sterben" - bedürfen kaum weiterer Erklärung. "Bye Bye Beauté" verzichtet auf jegliche musikalische Schönfärberei und so ist der Titelsong eine unverkennbare Hommage an die New Yorker Musiklegende schlechthin: Velvet Underground. Staubtrocken gespielte Gitarrenchords bilden den Grundtenor bei den meisten Songs, die dem neuen französischen Chanson nur noch wenig Raum bieten, aber die französische Popmusik um eine weitere Facette bereichern. Nichtsdestotrotz birgt das Album mit dem nur von einem Fender Rhodes begleiteten "Beau fixe" und der anmutigen Gitarrenballade "Gloria" auch erhabenen Momente einer Chansonsängerin fern ab von aller Rührseligkeit. "Kids (Jeu du folard) " wartet indes mit all dem melodischen Charme auf, der ein Garant für einen potentiellen Pophit ist. Die Stärke von Coralie Cléments neuem Album liegt in dem Kontrast zwischen ihrer sanften, Beschützerinstinkte weckenden Stimme und der spartanischen Geradlinigkeit, mit der die Songs produziert wurden. Es gehört schon viel Selbstbewusstsein dazu, sich für ein so intensives Album zu entscheiden, das sich inhaltlich von packender Unnachgiebigkeit erweist und mutig jede Erwartungshaltung ad absurdum führt. Selbst die fiktive Hauptfigur ihres Debütalbums, Lou Palladium, wird auf dem finalen Song des neuen Albums, sinnfällig "Epilogue" genannt, zu Grabe getragen. Ganz so, als wollte Coralie Clement noch einmal nachdrücklich darauf hinweisen, dass sie sich mit "Bye Bye Beauté" neu erfunden hat. Daran besteht faktisch aber auch nicht der leiseste Zweifel. Eine tief beeindruckende Künstlerin ist und bleibt Coralie Clément so oder so.

