Als die Sängerin der Brand New Heavies, Nicole Russo, einem interessierten Produzenten den ersten von ihr und der Band geschriebenen Track vorspielte, war sie unsicher, wie die Reaktion ausfallen würde. Völlig unbegründet, denn “Need Some More“ geriet zu einem regelrechten Manifest für eine neue Soul-Nation, einer leidenschaftlichen Brandrede gegen den aktuellen Zustand der Musik-Industrie und einem Kampfesaufruf an alle, die unter Pop mehr als “Pap“ (zu deutsch: Brei) verstehen. Mehr als 15...
Als die Sängerin der Brand New Heavies, Nicole Russo, einem interessierten Produzenten den ersten von ihr und der Band geschriebenen Track vorspielte, war sie unsicher, wie die Reaktion ausfallen würde. Völlig unbegründet, denn “Need Some More“ geriet zu einem regelrechten Manifest für eine neue Soul-Nation, einer leidenschaftlichen Brandrede gegen den aktuellen Zustand der Musik-Industrie und einem Kampfesaufruf an alle, die unter Pop mehr als “Pap“ (zu deutsch: Brei) verstehen. Mehr als 15 Jahre nach der Veröffentlichung ihrer ersten Single ist unüberhörbar, dass die Heavies immer noch eine Menge zu sagen haben. „Die meiste Musik im kommerziellen Bereich ist heute nahezu homogenisiert – es sieht alles gleich aus und hört sich gleich an“, sagt Jan Kincaid (Drums/Keyboard) von den Heavies. „Das führt im Ergebnis dazu, dass die Menschen wieder nach etwas mit Ecken und Kanten suchen: genauso war es auch, als wir damals begannen. Ich habe das Gefühl, dass nun vermehrt Acts die Bühne betreten, die neue Ideen ausprobieren und voran treiben. Das freut mich, denn dies war immer das kreative Umfeld, in dem wir uns als Band am wohlsten gefühlt haben.“ Die Geschichte der Brand New Heavies dürfte allgemein bekannt sein: Gegründet von Jan, Andrew Love Levy (Bass, Programmer) und Simon Bartholomew (Gituar), spielte die Band, geboren aus der “Rare Groove Explosion“ der damaligen Zeit, ihre ersten Gigs auf den illegalen Warehouse Parties der Mittachtziger. Immer bestrebt, in neue Bereiche vorzustoßen, hat der Glaube der Musiker in den Funk ihre Musik stets frisch und modern gehalten. Sowohl beim Beginn der Acid-Jazz-Bewegung, als auch bei der Erschaffung eines unverwechselbaren britischen Soul/Funk-Sounds, leisteten die Heavies Pionierarbeit. Und auch als HipHop und Jazz zusammenfanden, spielten sie von Anfang an eine tragende Rolle: es war das Brand New Heavies Album “Heavy Rhymne Experience Vol. 1“, auf dem The Pharcyde (“Soul Flower“) ihre erste Aufnahme veröffentlichten – und die Jungs von Gangstarr hektisch wurden (“It's Gettin Hectic“). Obwohl die Heavies während ihrer langen Bandkarriere vier Mal die Plattenfirma und ebenso oft die SängerInnen wechselten, hatten sie beeindruckende fünfzehn TOP 20 Singles und konnten sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern weltweit große Erfolge verbuchen. Aber vielleicht ist ihr größter Erfolg, dass sie immer noch aus dem selben Grunde zusammen spielen, wie zu ihren Anfängen in Ealing (West London), als sie sich während der Ferien Instrumente bei der Schule ausliehen und in Jans Schlafzimmer drauflos jammten: Aus Liebe zur Musik. Die Brand New Heavies sind eine Band, die auf fester Freundschaft, starken Werten und einer von allen Mitgliedern geteilten Leidenschaft für rohe, echte Musik basiert. Dies ist der Grund, warum sie selbst dann stets einen Weg fanden, ihren individuellen Style auszudrücken, wenn sich die Trends der Mode gegen sie wandten. „Es ist nicht immer einfach, doch wir waren bis jetzt stets in der Lage, noch einmal von vorne anzufangen und neue Wege zu finden“, sagt Jan. „Und dabei haben wir dennoch immer nur Musik gemacht, an die wir glauben konnten.“ So beispielsweise in der schwierigen Zeit, als ihr Vertrag mit London Records nach zehnjähriger Laufzeit gekündigt wurde. Damals besannen sich die Heavies auf ihre Ursprünge und nahmen ihre Tracks zwischenzeitlich in Andrews umgebauten Loft auf – mit einem Computer und zwei Gitarren. Sie hatten immer noch einen Vertrag in Japan, und so stellten sie ein Album mit Gastsängern und –rappern zusammen. Das gab ihnen die nötige Zeit, ihre nächsten Schritte in Ruhe planen zu können. „Wir haben als Freunde angefangen, und das war entscheidend für unser Überleben“, sagt Andrew und spielt mit der Mehrdeutigkeit des englischen Begriffs ’Band’: „Eine gute Band(e) kannst du nicht auf Dauer unten halten!“. „Es hatte sich in der Musik und der Industrie so einiges geändert,“ erklärt Jan ihr damaliges weiteres Vorgehen. „Und so mussten wir herausfinden, ob und wenn ja wie wir da hineinpassen und wie wir klingen wollen. Also sammelten wir eine Menge neuer Ideen und warfen sie alle in einen Topf, rührten kräftig um, nahmen viele Dinge auseinander und setzten sie erneut zusammen. Dabei waren wir uns stets darüber im Klaren, dass wir uns nicht einfach nur wiederholen und die gleichen Alben wie zuvor aufnehmen wollten. Bands, die schon lange zusammen arbeiten, tendieren leider oftmals dazu, aber wir wollten etwas völlig Neues“. Womit wir nahtlos zu Nicole Russo überleiten können. Der feurigen 25-jährigen aus Wembley wurde Musik quasi in die Wiege gelegt: ihr Vater war Sänger und hatte schon mit Musikern wie Lou Rawls und Quincy Jones zusammen gearbeitet. Bereits mit vier Jahren begann sie Klavier zu spielen, schrieb nur vier Jahre später ihre ersten eigenen Songs und stand schließlich im zarten Alter von gerade mal fünfzehn Jahren als professionelle Backvokals-Sängerin auf der Bühne. Mit der Solokarriere ließ sich Nicole ein wenig mehr Zeit: „Ich wollte nicht anderer Leute Worte und Melodien singen“, erklärt sie selbstbewusst. Schließlich unterschrieb sie bei Telstar, doch ihr erstes Album war, wie sie sagt, eine Enttäuschung. Es waren ihre eigenen Songs, aber sie klangen am Ende nicht so, wie sie von Nicole erdacht worden waren. Sie ging nach Philadelphia, um die Aufnahmen mit dem Neo-Soul-Produzenten James Poyser (The Roots, Erykah Badu, Lauryn Hill) zu überarbeiten, als es überraschend mit ihrer Plattenfirma bergab ging. Daher war sie sehr aufgeschlossen, als gemeinsame Freunde vorschlugen, sie und die Heavies sollten sich doch einmal zusammensetzen – und es sollte sich schnell herausstellen, dass sich die Musik der Gruppe gerade in die ähnliche Philly-Sound-Richtung entwickelte, wie die ihre. Natürlich kannte Nicole die legendäre Band bereits lange vorher: schon zu ihrem dreizehnten Geburtstag hatte sie deren Album “Brother Sister“ geschenkt bekommen. Aber sie war unsicher, ob die Brand New Heavies nicht vielleicht aufgrund ihrer größeren Erfahrung und vor allem des riesigen Erfolgs, den sie im Verlaufe ihrer bisherigen Karriere genießen konnten, ’satter’ als sie waren. „Aber das Gegenteil war der Fall!“, sagt Nicole heute. Offensichtlich hatten sich die richtigen Leute zur richtigen Zeit getroffen. „Ich war so enttäuscht über den Sound meines Albums, dass ich bereit war, meine bisherigen Grenzen zu sprengen. Und diese Jungs wollten noch weiter, wollten ganz neue Dinge ausprobieren.“ Die Heavies ihrerseits waren nicht nur von Nicoles Stimme beeindruckt, sondern auch von ihrer Art und Weise, Songs zu schreiben. In dem Girl aus Wembley fanden sie endlich eine Sängerin, deren Texte und Melodien ihren robusten Rhythmus-Tracks standhalten konnten. Nicole brachte einen ordentlichen Schuss jugendlicher Energie in die Musik der Heavies und gab der Gruppe eine frische Note, eine neue Identität. „Zuletzt hatten wir viele verschiedene Vokalisten“, sagt Andrew, „jetzt sind wir wieder eine richtige Band – und so lässt es sich am besten arbeiten!“. „Wir haben uns in unserer Arbeit niemals stoppen lassen“, fügt Simon hinzu. „Seit unseren aller ersten Anfängen empfinden wir diese Liebe am Musik machen, und seitdem sind wir ständig auf Tour, um live zu spielen. Es gibt nicht viele R’n’B/Funk-Bands, die das so leidenschaftlich betreiben, wie wir. Wir lieben es zu jammen, zu performen. Sogar unsere alten Songs bekommen dabei jedes Mal eine ganz neue Energie. Sie verändern und entwickeln sich geradezu mit uns“. Wenn man die Heavies mit einem großen Namen aus der Mode vergleichen wollte, dann wäre das Paul Smith. Bescheiden, aber einflussreich, typisch englisch, individuell und dennoch stilsicher, stehen beide für die meisterhafte Verbindung von Klassikern mit aktuellen Bezügen. Und beide haben niemals ihre Wurzeln vergessen. „Wir begannen damals mit dem Jammen auf Warehouse Parties, nur unterstützt von einfachsten Tonanlagen. Und diese Rauheit, die man beispielsweise auch auf den Alben von James Brown hören kann, blieb immer ein wichtiger Teil in unserem Tun. Wir achten darauf, uns niemals zu weit davon zu entfernen!“. „’allabouthefunk’ ist ein Album von vier Musikern, die ganz einfach Spaß daran haben, zusammen zu spielen“, bringt es Nicole abschließend vielleicht am besten auf den Punkt. „Das komplette Werk ist ganz allein von uns geschrieben worden. Wir lieben dieses Album, und wir glauben fest daran!“ Dies ist kein Comeback, denn sie waren nie wirklich weg. Aber im Jahr 2004 erleben wir die Band unter neuer Spannung und in Topform. Immer noch heavy. Aber trotzdem brandneu!
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