Junge deutsche Bands haben es nach wie vor schwer, sich im eigenen Land kommerziell durchzusetzen oder Respekt zu verschaffen wenn sie nicht gerade HipHop machen oder einen Überraschungs-Hit landen. Anger 77 wissen darum, gehen aber trotzdem konsequent den eigenen Weg, auch wenn er lang werden sollte, und ihre aufrechte Selbsteinschätzung spricht schon mal für die Band. "Den Trainingsjackenträgern, die Platten der Hamburger Schule-Bands kaufen, sind wir zu uncool, vielleicht auch zu provinz...
Junge deutsche Bands haben es nach wie vor schwer, sich im eigenen Land kommerziell durchzusetzen oder Respekt zu verschaffen wenn sie nicht gerade HipHop machen oder einen Überraschungs-Hit landen. Anger 77 wissen darum, gehen aber trotzdem konsequent den eigenen Weg, auch wenn er lang werden sollte, und ihre aufrechte Selbsteinschätzung spricht schon mal für die Band. "Den Trainingsjackenträgern, die Platten der Hamburger Schule-Bands kaufen, sind wir zu uncool, vielleicht auch zu provinziell. Und für Leute, die Pur oder Peter Maffay hören, sind wir eine abartige Punkband", sagt Sänger Andreas "Sigi" Siegmund. "Wir sitzen halt zwischen den Stühlen." Und dort passt ihr neues Album "Keine Angst" vortrefflich hin. Moderne Rockmusik mit deutschen Texten, ebenso inspiriert wie persönlich, mal melancholisch oder forciert. Anger 77 kommen aus Erfurt. Ein beschaulicher Ort, "an den man nach Tourneen gerne zurückkehrt und in Ruhe Musik machen kann", sagt Gitarrist René Koch. Ein Leben in der Großstadt wäre ihnen zu hektisch. "In Berlin etwa schaffen es viele Musiker nicht, mal über Jahre hinweg in einer Band zu bleiben", hat Sigi festgestellt. "Es zieht sie immer wieder in Projekte, und wenn es nicht funktioniert, wird wieder etwas anderes ausprobiert." René und Sigi kennen sich seit ihrer Schulzeit und spielen mit Ludwig Kendzia (Gitarre), Fabian Kendzia (Schlagzeug) und Daniel Riethmüller (Bass) bereits seit 1995 zusammen. Anger 77, die sich nach der Adresse ihres ersten Proberaumes in der Erfurter Innenstadt benannt haben und deren Name demzufolge deutsch ausgesprochen wird, ist ein intaktes Bandgefüge sehr wichtig. Sigi wohnt mit Fabian und Daniel im selben Haus, gemeinsam verbringen die Thüringer Twentysomethings auch den Urlaub. Das Quintett begreift sich als Familie ähnlich U2, erklärt Sigi, "die zumindest das Bild vermitteln, in Freundschaft und mit gegenseitiger Achtung ein Lebenswerk aufgebaut zu haben". Platten von U2, The Cure oder The Smiths gehörten auch zu dem musikalischen Stoff, mit dem Sigi von Kumpels und Verwandten in der DDR versorgt wurde. "Ostrock hat mich nie interessiert. Und es war schwierig, einen eigenen Geschmack herauszubilden, weil man alles gut gefunden und auf Kassetten überspielt hatte, was aus dem Westen kam.Damals war alles politisiert", erinnert sich Sigi. "Ob du für oder gegen etwas warst, immer musste man Stellung beziehen, wurden Diskussionen geführt." Politische Befindlichkeiten oder gar Ostalgie keimen bei ihm nicht mehr auf. "Ich habe während der Wende gerade ein Volontariat bei einer Zeitung gemacht und dadurch alles unmittelbar miterlebt, Stasi-Affären und so", erzählt Sigi. "Und wie die Leute, die den Mauerfall eingeleitet haben, dann ausgebuht wurden von Vollidioten, die sich vorher nie auf die Straße gewagt hatten und nun nur Helmut Kohl wollten, das hat mich riesig enttäuscht und angenervt." Ohne die Wende hätte es Anger 77 allerdings nie gegeben. "Vorher durfte man offiziell nur auftreten, wenn man ein Einstufungsverfahren vor einer staatlichen Kommission absolviert hatte. Darauf hatten René und ich keinen Bock", sagt Sigi. "Aber plötzlich konnte sich jeder ein Instrument greifen und einfach losspielen. In dieser Aufbruchstimmung haben Schüler dann sogenannte Pennefeten organisiert, die bald sehr beliebt waren. Jeder Auftritt wurde bejubelt obwohl wir echt ¹ne schlechte Schülerband waren." Fury In The Slaughterhouse erkannten bei einem dieser Abende jedoch das Potenzial der jungen Autodidakten, und die Hannoveraner nahmen sie als Vorgruppe für ihre erste Tour durch den Osten mit. Man studierte, musizierte und hoffte auf einen Plattenvertrag. In der jetzigen Besetzung brachten sie dann 1996 bei einem kleinen Chemnitzer Label alte Demo-Aufnahmen als erstes Album "Gruppentherapie" heraus. 1998 folgte ihr Major-Debüt "Allein im Flugzeug", produziert von Kai Wingenfelder und Fury-Stammproduzent Paul Grau. Seither sind Anger 77 ständig auf Tournee gewesen unter anderem als Gäste von Phillip Boa, haben Akustik-Sets in Kneipen gegeben und auf Festivals gespielt. Die gut 200 Konzerte hätten Anger 77 sicherer werden lassen, meint Sigi, der sich selbst als eher introvertierten, "pessimistischen Typen, der sich gerne zu Hause in seine Melancholie reinfallen lässt" bezeichnet: "Das macht es schon schwer, wie zuletzt neben Leuten wie Zlatko rund 18.000 Kids zu animieren." Dennoch ist ihrem dritten Album "Keine Angst" die Reife der letzten Jahre anzuhören. Etwa beim psychedelischen Eröffnungsstück "Leben", dem Noise-artigen Mahlstrom in "Koma", bei der funkig-poppigen Gitarrenmelodie von "Liebling" oder ihrer dunkel rasenden Single "Komm her": Kompakt und druckvoll wird hier gerockt, werden subtil Pop, Glam Rock oder Grunge-Elemente eingeflochten, ohne die eigene Identität zu verwischen. Ihre Songs entstehen beim Jammen im Proberaum. "Aber während ich als Pop-Mensch früher wie von einer höheren Warte aus Anweisungen an die Kapelle gegeben habe", gesteht Sigi schmunzelnd, "hat nun die Band erst einmal das Grundgerüst der Songs erstellt, bevor ich dazugestoßen bin. Auch deshalb ist das neue Album wohl etwas rockiger ausgefallen." Die ersten Ideen wurden in Paul Graus spanischem Studio eingespielt, die elf Songs der Platte dann in seinem Kölner Studio fertiggestellt. Dabei nutzten Anger 77 die Chance, einige Sequenzen in den nahe gelegenen legendären Dierks-Studios aufzunehmen, "eines dieser langsam aussterbenden Monsterstudios, in denen früher die Scorpions und Toten Hosen produziert haben", erzählt Sigi. Die Erfahrung war ernüchternd. "Die sterile Atmosphäre ist nicht sehr inspirierend", meint René. "Da kann man nur hingehen, wenn man schon eine konkrete Vorstellung hat und etwa einen Schlagzeug-Part auf den Punkt bringen will." Deutschrock sei ja heute ein Schimpfwort, sagt Sigi, der sich dennoch einen deutschen Rock jenseits der üblichen drei, vier alten Verdächtigen vorstellen kann. Der Vergleich mit der Hamburger Schule, von unbedachten Musikjournalisten in der Vergangenheit häufig gezogen worden und ohnehin ein indifferentes Etikett, aber ist ärgerlich und abwegig. "Wenn man deutsch singt, wird sehr stark auf die Texte focusiert, selten über die Musik gesprochen", hat Sigi bemerkt. Zwar ist seine offene, verletzliche Lyrik nicht gerade zweitrangig, "aber die Musik ist auch kein Vehikel für die Texte". Kongenial zum Sound singt er mit hymnischem Leid und Zorn über Selbstzweifel, Verluste und Hoffnungen, die zwar eher "Schwingungen folgen, nicht unbedingt konkrete Situation in meinem Leben darstellen", aber klar im Alltag geerdet sind. "Es soll nie vorbei geh¹n, es soll immer sein wie jetzt/ Wenn es noch nicht drinsteht, schreibt das bitte ins Gesetz/ Alles was mir fehlt bist du, doch ich will nicht zurück/ Denn wenn ich das hier aufgeb, wäre ich verrückt", heißt es in "Komm her". Der Song sollte anfangs "Egoist" betitelt werden, sagt Sigi, denn er handelt davon, dass "eine Person sich in einer tollen Situation befindet und von einem geliebten Menschen verlangt, mit ihr in diese Welt zu kommen, weil sie nichts davon aufgeben will". Man kann, muss Anger 77 aber nicht in eine Reihe mit Bands wie der Nationalgalerie, Selig oder Readymade stellen. Kurioserweise wurden Anger 77 zudem mal auf MTV als Band angekündigt, die vom 77er Punk beeinflusst sei. Vielleicht spricht das auch für die Vielfalt und Ausdrucksstärke von Anger 77. Denn der Hamburger Fotograf Olaf Heine fühlte sich bei der Orgelmelodie in "Komm her" sogar an die Musik aus Hitchcock-Filmen erinnert. So hat er das Video dazu im Stile des alten Suspense-Meisters inszeniert. Und spannend wird es allemal, den weiteren Weg von Anger 77 zu verfolgen.
